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Ist Innovation eine Funktion des Alters?

von Kazue Haga

Ihr Blog macht María Amelia López Spaß und Freude.1 Es war das Geburtstagsgeschenk ihres Enkels im vergangenen Jahr. Frau López ist 95 Jahre alt. Wie gelingt ihr Bloggen? Sie erzählt ihrem Enkel ihre Geschichte und er richtet für sie für den Blog (amis95.blogspot.com) ein.
Üblicherweise nimmt man an, alte Leute sind weniger risikofreudig und auch weniger innovationsfreudig als jüngere Generationen. Ihre Fähigkeit, etwas Neues zu lernen, verringere sich im Laufe des Alters. Das ist ein Störfaktor für Alte. Der zweite Störfaktor ist ihre Zeitpräferenz (sie schauen weniger in die Zukunft auf Erden, wie auch, wenn sie glauben, bald zu sterben) und drittens Gesundheitsprobleme. Frau López ist hier keine Ausnahme und sie sagt: „I’m going to die before I get broadband.“ (Original in Spanisch)
Für den ersten Störfaktor: Umgang mit neuer Technik, gibt es anscheinend einen relativ einfachen Ausweg. Im Laufe der Zeit ändert sich die Fähigkeit, die man gerade am stärksten hat.2
Auch aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht enthält dieses Beispiel eine Lehre.
Man braucht nicht alles selbst zu machen, um ein Unternehmen in Gang zu setzen. Frau López hatte einen starken Antrieb, er ist so groß, daß sie ihren Enkel dazu bewegt, einen Blog für sie einzurichten. Auf der anderen Seite hat er, der Enkel, die Fähigkeit, die Bedürfnisse seiner Großmutter zu erkennen und das Verlangen (Empathie), sie zu unterstützen. Das muß nicht unbedingt Altruismus sein, aber auch nicht Habgier (Erbschaft), eher schon Generosität, die aus den Memen einer Familie hervorwächst.3
Die Umwelt hat einen Einfluß auf das System Mensch. Wichtig ist aber auch, wenn auch es im ersten Augenblick widersprüchlich klingt, daß das, was im System Mensch selbst intern geschieht, dynamischer und entscheidender für die Entwicklung/Evolution des Systems ist.4 Das System Mensch verändert sich ständig und ist nicht statischer Natur, aber ist gleichzeitig ein stabiles System. Das Wesen eines Individuums ist trotz ständigen Veränderungen in sich gesichert ohne Bruch. Diese Stabilität scheint eine Voraussetzung für erhaltende Selbstevolution zu sein. Hört diese auf, ist das ein Indiz, daß sich das System auf den Tod vorbereitet. Wir können, überspitzt formuliert daher sagen: die Teilnahme alter Menschen an Blogs, Email und anderen Internetaktivitäten ist ein Hinweis auf ihren Lebenswunsch, auf ihren (unbewußten) Kampf gegen Sterben und Tod, ein Indiz ihrer anhaltenden Selbstevolution. Man kann den Zusammenhang zwischen Altern und Blogs auch so sehen, daß eine Veränderung der Umwelt (Einrichten eines Blogs) als Auslöser für Frau López ein wichtiges Ereignis war, aber die Resonanz in sich ist viel größer und wichtiger. Was sie erzählt ist natürlich das eigentlich Interessante, aber ohne Internet bleibt es für uns ein Schweigen. Für viele mag es immer noch ein „Rauschen“ bleiben, für einige jedoch eine „Störung“ sein, die bei ihnen Veränderungen bewirkt, sogar Lernprozesse auslösen kann. Bei schnellem technischem Fortschritt ist es deswegen wichtig, daß es den neuen technischen Mitteln (Internet usw.) gelingt, interessante Inhalte aus gegebenen Ressourcen zu saugen, so daß die gegebenen Ressourcen mit neuer Attraktivität „neu“ auftreten – somit kommunizieren können.
Frau López und ihr Enkel haben ihren Blog hervorgebracht. Das alleine ist ein gutes Ergebnis, aber sie haben einen weiteren Erfolg, ihr Blog ist beliebt. Leute aus aller Welt besuchen ihn und kommentieren, d.h. sprechen die charmante Spanierin an. Davon träumt jeder Blogger. Sie leisten gute Zusammenarbeit. Solche schönen Ereignisse sind keine neue Geschichte. Familiäre oder gemeinschaftliche gute Zusammenarbeit gab es immer. Das sind oft nicht-kommerzielle Unternehmen. Dabei spielt Geld normalerweise keine Rolle. Der „Team“ ist relativ klein und eng miteinander verbunden. Da geht es meist um das eigene Interesse (Selbstverwirklichung nach Maslow) und nicht um die Frage, ob viele, fremde nach dem Produkt nachfragen.
Läßt sich dieses Beispiel von Frau López für die Unternehmensebene verallgemeinern? Unternehmen haben stärkere Einschränkungen, weniger altersgemachter Natur (Abbau von Gehirnleistung, TV als kognitiver Verarmer und Redundanzzerstörer) als solche, die aus ihrer Funktion herrühren. Sie wollen/müssen Produkte oder Dienstleistungen verkaufen und Geld verdienen. Die Mitarbeiter sind nicht altruistisch miteinander verbunden. Sie sind keine „Familie“ des Geschäftsführers. Ein Unternehmen hat eine kompliziertere Hierarchie, und Kommunikation zwischen den Managementebenen funktioniert oft nicht.5 Angenommen, ein Unternehmen funktionierte analog zum System Mensch (Kognition), müßte die Geschäftsleitung den Mitarbeitern einen hohen Freiheitsgrad erlauben,6 was vom Topmanagement in der Regel als Machtverlust gedeutet wird (Dito Politik: der allwährende Kampf der politischen Klasse und der staatserhaltenden Medien gegen „Anarchie“ und „Chaos“.). Der Enkel von Frau López war bestimmt frei von dem Vorurteil über die Weite/Enge des Potentials seiner Großmutter. Gerade wo man gerne über demographischen Wandel mit Verlängerung der Lebensspanne spricht, sind ältere Menschen und alte Mitarbeiter ein großes Potential für ein Unternehmen und die Gesellschaft. Zynisch gesagt, wäre Frau López CEO bei Merrill Lynch (die immerhin, einen neuen Chef installierten, zum ersten Mal seit 100 Jahren, der ein Outsider ist)7, Citibank, HBSC usw.: den Unternehmen ginge es wohl besser, von GM ganz zu schweigen. Einen Krieg im Irak gäbe es auch nicht. Man findet eigentlich genügend Nachrichten, die obigen Gedanken von den Segnungen alter Menschen unterstützen. Man lese hierzu das Interview mit dem Chef von Toyota, Watanabe.8 Auch zu Blogs gibt es viele Beispiele. Frau López ist keine Ausnahme und auch nicht die älteste Bloggerin.9 Warten wir daher auf den hundertsten Geburtstag von Angela Merkel. Wie sie hundert werden kann, verraten wir hier nicht. Schließlich wollen wir ihren Beratern nicht das Geschäft verderben.


1 Artikel über ihren Blog unter: http://www.reuters.com/article/oddlyEnoughNews/idUSN0527186920071105, Abruf am 05.11.07.
2 Zu den Fähigkeiten alter Leute siehe http://www.zeit.de/2002/48/Lernen-Alter?page=all sowie http://www.zeit.de/2003/33/P-Baltes, Abruf am 07.11.07.
3 “Altruism is defined as helping another at a cost to oneself [Sober, p 17, 15]. Generosity is defined as “liberality in giving” [16] or offering more to another than he or she expects or needs. Generosity is therefore a subset of altruism. For example, one may give a homeless person 25 cents (altruism) or ten dollars (altruism and generosity)” (Zitat aus Future Pundit, 6. November 2007: http://www.futurepundit.com/archives/004760.html).
4 Wie lang der Zustand eines Menschen sich wandelt, beeinflußt die Umwelt nicht entscheidend stark. Diese Meinung befindet sich auch bei Hirnforschern. Für dieses Thema relevante neurowissenschaftliche Forschung vgl. z.B. József Fiser, Chiayu Chiu &Michael Weliky (2004), Small modulation of ongoing cortical dynamics by sensory input during natural vision, Nature 431, 573-578 (30 September 2004).
5 Zu Schwierigkeiten der Geschäftsführung in Unternehmen siehe auch Horst Wildemann, Das Mittelmanagement ist dran, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2007, Nr. 257, S. 24.
6 Der ehemalige Chef der Deutschen Börse, Seifert, empfindet eine Parallele zwischen Management und Jazz; Unternehmensführer sollen ihr Unternehmen improvisierend führen wie bei Jazz. Vgl. http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=1473, Abruf am 08.11.07.
7 Merrill Names NYSE Exec Thain As CEO, Yahoo Finance, 15. November 2007: http://biz.yahoo.com/ap/071115/merrill_thain.html
8 Thomas A. Stewart & Anand P. Raman: Lessons from Toyota’s Long Drive, Interview mit Katsuaki Watanabe, Harvard Business Review, July-August 2007, S. 74-83.
9 Laut dem Artikel von Reuters (http://www.reuters.com/article/oddlyEnoughNews/idUSN0527186920071105) betreibt sogar ein 108-Jähriger seinen Blog (www.allaboutolive.com.au/).

15.11.07 10:45
 


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