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Is greed good for Japan? Globalisierung und Arbitragekapitalismus (I)

von Kazue Haga & Jochen Röpke

„Aggressive Investoren entdecken Japan“ betitelt ein Beitrag in der Financial Times Deutschland, das Bemühen von Investoren, in Japan nach westlichem Vorbild eine Kultur des Shareholdervalue zu etablieren.(1 )

150 Jahre nachdem die Schwarzen Schiffe (jap., kurofune) unter dem Kommando des US-amerikanischen Seeoffiziers Matthew Perry in Japan eintrafen, machen die Amerikaner und die Internationale Gemeinschaft der Dealmaker erneut Druck auf Japan, seine Grenzen weiter zu öffnen und ausländischen Investoren einen direkten Zugriff auf japanische Unternehmen einzuräumen. Commodore Perrys überlegene Militärmacht erlaubt es den USA, Japan einen Vertrag aufzuzwingen, der Japan für den Handel mit den USA öffnet (2 ).

Damit endete eine nahezu 200 Jahre währende Abschließung Japans. Mit gewissen Ausnahmen. Der japanische Markt für Unternehmenskontrollrechte (Aufkauf, Fusion, Buy out, Beteiligung) bleibt für Ausländer ein Markt mit Hürden. Die amerikanischen Investmenthäuser versuchen seit Jahren, die japanische Regierung vom Segen von Mergers & Acquisitions, Private Equity und Hegde Fonds zu überzeugen. Sie halten den japanischen Finanzmarkt für unterentwickelt. Die Aktionärskultur in Japan gilt ihnen als mittelalterlich. Die japanische Regierung wackelt unter dem Druck. Für Unternehmen (Management), Aktionäre, die Öffentlichkeit steht in Japan das langfristige Wohl des Unternehmens vor dem kurzfristigen Gewinn der Anteilseigner. Zweifellos gewährt die Abschottung japanischen Unternehmen einen Spielraum für ineffizienten Ressourceneinsatz und die Pflege problematische Geschäftsmodelle insbesondere für binnenmeraktorientierte Firma. Andererseits ist die Konkurrenz in Japan auf allen Märkten beinhart. Bereits seit Jahrzehnten versucht die internationale Gemeinschaft unter amerikanischer Führung, das Keiretsusystem der wechselseitigen Verflechtung von Unternehmen aufzubrechen. Der Erfolg ist mäßig und nicht zu vergleichen mit der Zerschlagung des Zaibatsusystems (Großkonglomerate in Form nationaler Champions) durch die amerikanische Besatzungsmacht nach dem zweiten Weltkrieg. Nach der Abwicklung der Spekulationsblase in den 90er Jahren – miterzeugt von der Internationalen Gemeinschaft der Wohltäter der Menschheit -, welche den Aktienindex auf 40,000 Punkte (heute 17,000) treibt, und japanische Unternehmen und Banken zwingt, Beteiligungen zu verkaufen, um Schulden zurückzuzahlen, kehrt die alte Krankheit zurück. Toyota kauft Aktien von Matsushita Electric Industrial Co. und umgekehrt (3 ). Beide Unternehmen betreiben gemeinsam eine Fabrik, welche Schlüsselkomponenten für den Hybridmotor produziert. Das Bild bleibt aus der Sicht des fremden Beobachters eingetrübt:

"Foreign investment funds have suffered recently as investors at general shareholders' meetings voted down an unprecedented number of foreign fund proposals for higher dividends and rejections of anti-takeover defense measures. This clearly shows that a majority of Japanese shareholders prefer long-term stable growth of their companies rather than short-term profits and quick results, and believe companies do not exist solely for shareholders" (4 )

“Die Schutzmaßnahmen für japanische Unternehmen (gehören) zu den übernahmefeindlichsten weltweit”, zitiert die FTD den Chef eines US-Hedge-Fonds, Steel Partners, der sich beim Versuch, den Soßenhersteller Bull-Dog zu übernehmen, vom japanischen Kampfhund eine blutige Nase holt. Der Tokyo High Court urteilte: Die Abwehrmaßnahmen von Bull Dog, sogenannte Poison Pills, sind legal. Der amerikanische Hedge-Fonds wurde höchstrichterlich als räuberischer Abzocker charakterisiert, der die japanische Firma für einen schnellen Gewinn ausschlachten wollte. (5 ) (6 )

Die Amerikaner sind erschüttert und rüsten juristisch hoch. "I'm blown away," sagt Scott Jones, Partner der Rechtsanwaltskanzlei Jones Day in Tokio.

Scott fügt hinzu: "People are not going to walk away from the world's second largest economy. If there is money to be made, somebody will find a way around this."(6 ) Schließlich gilt es als unter Ökonomen anerkannt: Verhindern von Buyouts macht Unternehmen ineffizient und hält die Aktienkurse niedrig (3 ). Angesichts massiver Verwerfungen und Fehlentwicklungen im japanischen Corporate Governance sehen Dealmaker ein weites Feld wertschöpfender (die Japaner sagen: Werte vernichtender) Transaktionen. Und Der US-Bull-Dog-Aufkauf-Hedgefonds bemüht nunmehr das höchste japanische Gericht, um gegen die Giftpillen von Bull-Dog anzugehen.

Topverdienende westliche Investmentbanker in Tokio fordern von der japanischen Regierung die Errichtung eines „attraktiven globalen Finanzzentrums“ nach dem Vorbild Hong Kongs und der Londoner City. Sie haben auch private Anliegen: „… a quantum expansion of immigration quotas for foreign child-care workers“, um sie in Tokio zu halten, fordert Robert Feldman von Morgan Stanley (7). Wir beobachten somit deutliche Evolutionssprünge: Von den „Schwarzen Schiffen“ des US-Admiral Perry (19. Jahrhundert), die Japan gewaltsam für den Kapitalismus öffnen, über die Zerschlagung der Zaibatus und Öffnen der Keiretsus zum wohlfahrtsmaximierenden Investmentbanking des angelsächsischem Arbitragekapitalismus. Konfuzianisch-shintoistisch-zenbuddhistische Ideale sind keine Dinge, die einen wahren Kapitalisten vom WEG abbringen.

Es handelt sich auch um einen Kampf der Kulturen. Die japanische Wirtschaft, wettbewerbsintensiv und hochtechnologisch organisiert, funktioniert nach anderen kulturellen und institutionellen Prinzipien und folgt anderen emotionalen Antrieben als der angelsächsische Kapitalismus, der auch in Europa zunehmend den Ton angibt und die Wettbewerbspolitik der EU beherrscht. Und „Heuschrecken“ sind in Deutschland mittlerweile eine akzeptierte Spezies von Wirtschaftsmenschen.

Um mit Buy outs, kreditfinanziert oder nicht, Geld zu machen, müßten die Käufer auslöschen, auf was Japaner nicht verzichten wollen, was für sie „heilig“ ist: Überkreuzverflechtungen, harmonische Beziehungen mit Banken (Hausbankprinzip), flexible Beschäftigung bis über die Altersgrenze hinaus, geringe Ungleichheit von Einkommen, Abfindungen (Bonuszahlungen) - beim Ausscheiden aus dem Unternehmen erhalten Mitarbeiter fünf oder mehr Jahresgehälter; und viele alte Menschen nutzen dieses Geld, um sich später, im Alter, selbständig zu machen (8) - Kundenorientierung (auch auf Kosten des Gewinns), visionsorientierte Unternehmensführung (Visionen können über mehrere Jahrzehnte laufen. Ein Deal verkürzt sie auf ein Heuschreckenleben). Für japanische Mitarbeiter ist ein Unternehmen eine zweite Heimat, mehr als ein temporärer Allokationsstandort für die Maximierung der Gewinne der Eigentümer.

Wenn japanische Unternehmen eine arbitragekapitalistische Globalisierung zurückweisen, verzichten sie – vielleicht – auf kurzfristige Renditechancen. Harmonie kostet Geld – auf kurze Sicht. Langfristig schafft sie Harmonie. „Von den Energien des Himmels ist keine größer als die Harmonie“ (Laozi). Für die Dealmakerklasse ist so etwas schwierig hinzunehmen. Wer glaubt, der Beste zu sein, an der Spitze der Evolutionspyramide zu stehen, hat Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß es Entwicklungspfade gibt, die Wohlstand und Beschäftigung ohne permanenten Auf- und Verkauf von Unternehmen sichern.

Auch wenn Dealmaking, das Erkennen und Ausnutzen von Unterschieden in der Bewertung von Vermögen, in seinen verschiedenen Ausprägungen Wohlstand erzeugen sollte - bis heute eine Frage des Glaubens – scheint es uns Sinn zu machen, über eine Einsicht von Joseph Schumpeters zu reflektieren:

"Ein System - jedes System, nicht nur jedes Wirtschaftssystem, sondern auch jedes andere -, daß zu jedem gegebenen Zeitpunkt seine Möglichkeiten möglichst vorteilhaft ausnützt, kann dennoch auf lange Sicht hinaus einem System unterlegen sein, das dies zu keinem gegebenen Zeitpunkt tut, weil diese seine Unterlassung eine Bedingung für das Niveau oder das Tempo der langfristigen Leistung sein kann." (Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1950, S. 138)

Was Schumpeter hier formuliert, ist der nicht-konfliktfreie Übergang von einer Stufe des Funktionierens des Systems Wirtschaft (optimaler Ressourceneinsatz) zu einer „tieferen“ Ebene innovativer Reproduktion mit (zunächst) gegebenen Ressourcen.

Der daoistische Philosoph Zhuangszi schreibt vor 2500 Jahren das Gleiche „Vielfalt besitzen, heißt Reichtum.“ Vielfalt heißt auch: unterschiedliche Wege zu erkunden und zu gehen. „Ein Weg kommt zustande, in dem man ihn geht.“ Wird alles ökonomisch gleichgeschoren, wie können dann „hundert Blumen“ blühen? Japan scheint sich mit seinem System nicht unwohl zu fühlen. Keine Gesellschaft ist so alt -durchschnittliche Lebenserwartung von Männern 79 Jahre, von Frauen: 85.8 Jahre (9 ) - und so gesund wie die japanische. Und keine Gesellschaft erzeugt im Alter soviel Dynamik wie Japan (8 ).

Die Wahlniederlage der Regierung Abe am 29. Juli spielt den Reformgegnern (Anti-Hedonisten und „Seilschaften“ der Japan AG) in die Hand:
" Andererseits formierten sich die unter Koizumi beschnittenen Seilschaften der Japan AG neu. Sie knüpften in den vergangenen Monaten wieder Überkreuzbeteiligungen, um Übernahmen durch unliebsame Investoren zu blockieren. Das stieß an der Börse auf Widerstand. Während die Aktienindizes in Europa und Amerika im Jahresverlauf vorübergehend deutlich zugelegt hatten, stieg an der Tokioter Börse der Nikkei-225-Index nur fünf Prozent. Dennoch stand Japan beim weltweiten Kursrutsch in der vergangenen Woche ganz vorn" (10 ).


(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Schiffe
(2) Martin Kölling, Aggressive Investoren entdecken Japan, Financial Times Deutschland, 25. Juli
(3) Patrick Rial und Michael Tsang, Japan stocks rally loses steam on shareholder concern (update 1), Bloomberg.com, 23. Juli

(4) Hisane Masaki, Fall of Japan’s apostle of „greed is good“, Asia Times, 20. Juli 2007
(5) Kaho Shimizu, What is significance of Bull-Dog action, The Japan Times, 12. Juli 2007
(6) Jonathan Soble & Michiyo Nakamoto, Japan’s court approves Bull-Dog poison pill, The Financial Times, 9. Juli 2007
(7) Michiyo Nakamoto & David Turner (2007): Japan minister hopes to woo foreign bankers with enclave of their own, The Financial Times, 22. Mai, 2007 S. 4.
(8) Haga & Röpke, Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften: Hinweise aus Japan, www. mafex.de
(9) The Japan Times, Japanese women still longest-lived, 27. Juli.
(10) Stephan Finsterbusch, Japans Wirtschaft vor unruhigen Zeiten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli, S. 11.

Theoretische Grundlage unserer Überlegungen ist die Theorie der Funktionstiefe von Unternehmertum:

Röpke, Der lernende Unternehmer, 2002
Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Nachdruck 1. Auflage, Berlin, 2006.
Haga & Röpke (8)
Röpke & Rassidakis, Peter (2006): Training and teaching entrepreneurs: The Mafex approach. Mafex working papers, December, www.mafex.de.
Röpke & Ying Xia, Der yin-yang-Unternehmer, www.mafex.de

31.7.07 19:35
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Optimus Prime (1.8.07 21:39)
Netter Text.


Optimus Prime (1.8.07 21:39)
Japanisch für Anfänger: Baishu(= Übernahme) und baishu –n(=Prostitution).
Angesichts dieser krassen Wortverwandheit verwundert mich eigentlich nicht,
dass Tokugawas Erben wohl lieber Sepukku(=Selbstmord) begehen würden als sich von Gajin(=Barbaren) aufkaufen zu lassen. Da muss man ihnen wohl schon mit einer Verfassungsklage kommen, bevor sie ihre Katanas wieder wegstecken. Jüngstes Beispiel wäre hierfür wohl der US- (wer sonst) Investor Warren Lichtenstein, der beim obersten Gericht eben eine solche eingereicht hat – ein Soßenhersteller soll sich ihm mit einer nicht-verfassungsgemäßen Übernahmeabwehr verwehrt haben. Andererseits haben die Japaner aber keine Probleme damit, sich zu vermischen, solange das Endrezept dominant japanischen Geschmackes ist.
(Japan catches merger fever again, International Herald Tribune, 2. Januar, 2007, http://www.iht.com/articles/1997/01/02/atk.t.php.)
Verständlich? Sehen wir uns nur mal an, was unsere amerikanischen Verbündeten mit Okinawa gemacht haben.


Optimus Prime (1.8.07 21:41)
Und weiter:
Früher waren die Okinawesen die langlebigsten und gesündesten Japaner überhaupt. Dann kam die Amerikanisierung und die Einwohner des Eilands nahmen den GI-Lebenstil an: Fastfood und Kettenrauchen. 1963 eröffnete dort das erste Fast-Food Restaurant – 20 Jahre später sollte das Erste in Tokyo eröffnen.
Die Folgen: Heute sterben fast 30% der Männer vor Erreichen des 65 Lebensjahres und fast die Hälfte aller Männer in den Vierzigern sind fettleibig.
(LINK: http://www.sierraclub.org/compass/2006/09/gaizin-diet.asp)
Übertragen wir dieses Bild doch einmal in den wirtschaftlichen Kontext. Würde es da verwundern, warum sich die Japaner so sträuben?
Der Autor spricht es ja an – für die „Westler“ sind buyouts wertefördernd. Für die Japaner sind sie das nicht. Angesichts solcher interkultureller Differenzen im Denken und Handeln ist es kaum verwunderlich, dass man hier aufeinanderprallt.
Japans Unternehmen stehen mit einander stets in langen und gefestigten Netzwerken. Man kennt und dealt nur mit denjenigen die man schon lange kennt. Stichwort Loyalität. Eine Tugend, die möglicherweise an Stellenwert verlieren muß? Können totale westliche Flexibilität und Loyalität Hand in Hand gehen?
Man wehrt sich also gegen den Westen und seine kapitalistischen Wege.
Sind die Japaner vielleicht sogar Kommunisten und diese an die 300 Spartaner erinnernde stoische Haltung sogar Produkt eines politischen Kampfes?
Fragen wir doch dazu einfach welche, die wissen müssten: die Chinesen.
Die Antwort verblüfft: Unter Chinesischen Führungskräften kursiert folgender Joke: „Wenn du etwas über Kommunismus lernen willst, arbeite für eine japanische Firma.“
Hmm.


Optimus Prime (1.8.07 21:41)
Economist:
Yet part of the problem for Japanese firms is that their business practices do not work well in China. Managers are invariably Japanese and are promoted on the basis of seniority rather than merit, so prospects for local staff are poor. (Chinese executives joke that if you want to learn about communism, work for a Japanese firm.) Worse, Japanese companies are used to dealing with a few long-standing partners. Mori's Yoshimitsu Isoi says his firm found it hard to put everything into a written contract in China, rather than relying on verbal agreements as in Japan.
The Economist, Japanese companies. Questioning the Middle Kingdom, 26. Juli 2007, http://www.economist.com/business/displaystory.cfm?story_id=9546393

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