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Markt und unternehmerische Kreativität

von Jochen Röpke

Jesus Huerta de Soto war so freundlich, uns ein Exemplar seiner Schrift „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Markt und unternehmerische Kreativität“ zu senden. De Soto lehrt und forscht an der Rey Juan Carlos Universität in Madrid. Das Buch wird vom Friedrich August v. Hayek Institut (1) in Wien herausgegeben.
Die reine Theorie, das vorherrschende ökonomische, auch wirtschaftspolitische Paradigma, bietet, folgen wir den Österreichern, inklusive Joseph Schumpeter, keinen theoretischen wie handlungspraktischen Zugang zum System von spontaner Koordination, Wissensnutzung und Entwicklung.
Die Österreichische Schule thematisiert das Wissen in seinen verschiedenen Typen und Relevanzen. Die Schrift arbeitet den Zusammenhang zwischen „Wissen und der Rolle der Unternehmer“ verständlich und überzeugend heraus (sieben Kapitel: Grundsätze, Wissen und die Rolle der Unternehmer, Carl Menger, Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, F.A. von Hayek, Renaissance).
Wie de Soto zeigt, ist die Produktion und Ausbreitung von „subjektiver Information“ der Schlüssel zum Verstehen eines jeden jenseits der herrschenden Wirtschaftslehre angesiedelten Paradigmas, also eines außerhalb des Gleichgewichts sich vollziehenden Wirtschaftsgeschehens. Die Nähe zum „Konstruktivismus“ der modernen Systemtheorie (nicht des Hayekschen Konstruktivismus als einer, wie immer legitimierten, Intervention in komplexe Systeme) ist offenkundig. „Unternehmer sind ständig damit beschäftigt, neue Information, die in ihrer Essenz subjektiv, praktisch, verstreut und schwer zu formulieren sind, zu produzieren“ (de Soto, S. 18).
Dieser Punkt ist zentral, denn er unterscheidet die Lehre der „Österreichischen Schule“ grundsätzlich vom Ansatz von Joseph Schumpeter und Alt- wie Neuschumpeterianern. Die „Österreicher“ rechnen, im Marketing ihres Ansatzes, Schumpeter gerne den ihren zu (siehe das Foto auf dem Cover des Buches von de Soto). Beim Studium des Textes wird andererseits erkennbar: die Österreichische Schule und die Schumpetersche Entwicklungstheorie liegen theoretisch Lichtjahre auseinander. Schumpeter taucht im Text nicht auf. Die paradigmatische Haßliebe auf einen der ihren läßt mehr als Zweifel an einer „Renaissance der Österreichischen Schule“ (7. Kapitel) aufkommen.
Zum Verständnis des Ansatzes der Austrian Economics können wir zwischen den Funktionen von Routine, Arbitrage, Innovation, Evolution unterscheiden. Routine bedeutet den Einsatz der Ressourcen zu optimieren (Peter Drucker: die Dinge richtig tun). Das neoklassische („neoliberale“ Programm. Der Routineunternehmer ist zuständig für die Funktion „Effizienz“, „anpassen“, maximieren des Nutzens, die Funktion des Homo oeconomicus oder des „Wirts“ (Schumpeter). Nur wenige Organisationen stellen die Doktrin der Optimierung in Frage. Ein Geschäftsmodell zu optimieren, das auf dem Weg in die Irrelevanz ist, sichert nicht das Überleben der Unternehmung. Der Arbitrageunternehmer erkennt und nutzt Bewertungsunterschiede, insbesondere zwischen Preisen. Spekulation ist eingeschlossen. Mit Routine und Arbitrage läßt sich keine Entwicklung erzeugen, das System Wirtschaft läuft daher auch, wenn Innovation ausdünnt, in Stagnation. Es fluktuiert durchaus, und die Österreicher klopfen sich noch heute auf die theoretische Schulter, die Great Depression vorhergesagt zu haben. Auch ein Produkt habgierigen Dealmakings, durchaus konform mit dem Ansatz, der auch der Asiatischen Krise, dem fast zeitgleichen Blowout in Rußland, und gegenwärtig der US-Immobilienkrise zugrunde liegt (2) . Die Österreicher thematisieren dies allerdings nicht unternehmertheoretisch. Die innovatorische Funktion bezieht sich auf die Neukombination von gegebenen Ressourcen. Der evolutorische Unternehmer betreibt Selbstevolution, insbesondere aber nicht ausschließlich im Bereich seiner innovatorischen Fähigkeiten. In der Theorie der Österreichischen Schule wird explizit nur zwischen Routine und Arbitrage unterschieden. Innovation und Evolution laufen irgendwie mit, aber nicht theoretisch kontrolliert. Die Funktionstiefe ist halbiert.
Für Schumpeter ist der kritische Erfolgsfaktor im Entwicklungsprozeß nicht das Wissen - die österreichische Schule trennt im übrigen nicht systematisch zwischen Daten, Information und Wissen - , sondern die Fähigkeit („Energie“ zu seiner rekombinativen Nutzung. Die Funktion des Unternehmers ist somit eine andere: Neukombination gegebener Ressourcen (Innovation). Das ein Unternehmer hierzu Wissen sucht und braucht, ist trivial, das andere ihm sein Wissen abnehmen, genau so. Die Ausbreitung des Innovationswissens geschieht jedoch auf anderen Wegen als den von Hayek und anderen aufgezeigten. Der Unternehmer läuft auf beiden Wegen gleichzeitig. Geht er jedoch den Österreichischen Weg, ist sein Lauf nicht der Lauf des innovativen Wertschöpfers, des Erzeugers von „Zukunftswerten“ (Schumpeter) ist. Es ist der Weg, der in jeder Wirtschaft, Steinzeit, Wallstreet, Silicon Valley, begangen wird. Es ist kein Entwicklungsweg.
Das Gemeinsame von Schumpeter und „Österreich“ ist die Zurückweisung neoklassischer Modelle, die „Lossagung von allgemeinen Gleichgewichtsmodellen“ (de Soto, S. 134), aus welcher bis heute die Ratschläge der Ökonomen sich herleiten und große Teile der Wirtschaftpolitik beeinflußt (auch wenn Politiker, mangels nicht-bekannter theoretischer Alternativen, vieles davon zurückweisen). Überlegungen der Österreichischen Schule und einer Schumpeterschen Entwicklungslogik finden darin keinen Platz. Der große Unterschied zwischen Schumpeter und den Österreichern ist die theoretische Behandlung von Entwicklungsprozeßen in Unternehmen und Markt. Schumpeter ist hier reiner Endogeniker. Das gilt auch für Wissen. Macht der Unternehmer ist nicht zu seinem Wissen – bleibt es totes Wissen. Er mag viel wissen, das Tun ist eine andere Sache. Die Geburt eines knowing-doing-gap.
Aus guten Gründen ist die Schumpetersche Logik daher auch im Text von de Soto ausgeblendet. Sie läßt sich mit dem Ansatz nur schwierig versöhnen. Die theoretische Welt ist eine andere. Es geht hier nicht um richtig und falsch. Die Welt sieht eben nur anders aus, je nach der theoretischen Brille, die der Beobachter aufsetzt. Wer sich mit Entwicklungsdynamik beschäftigt, dem bringt der Mainstream und die Österreichische Schule wenig, da sie sich mit anderen Problemlagen beschäftigen. Andererseits sagen die Österreicher aber auch deutlich: laß die Pferde und Tiger laufen, wohin sie wollen, was auch entwicklungslogisch vollständigen Sinn macht. Die Österreichische Schule thematisiert die Koordination der Akteure, die Rolle von Unternehmern (als Arbitrageure) bei der Ausbreitung von Wissen und der Anpassung der Marktteilnehmer an neue Information. In diesen Prozeß der spontanen Koordination und Wissensdiffusion zu intervenieren, bedeutet, das System Wirtschaft tendenziell auf eine niedrigere Komplexitätsstufe herunterzuregulieren: ein „Weg in die Knechtschaft“ (3) . Für Schumpeter ist im System lediglich zirkulierende Information („Wissen“, alt oder neu, „totes Wissen“, falls es nicht zu Neukombinationen anregt. Paßt sich ein Innovator an Datenänderungen an, nutzt er gleichfalls wissen, aber er kombiniert nicht neu und leistet für Entwicklung solange nichts, bis seine Anpassungsbemühungen irgendwo und irgendwann im System Neukombinationen anregen. Die Österreicher beschäftigen sich mit der „adaptiven Antwort“, die Schumpeterianer mit der „schöpferischen Antwort“. Man hätte somit, wenn man „unternehmerische Kreativität“ im Auge hat, theoretisch und handlungspraktisch sorgfältig zu unterscheiden.

(1) www.hayek-institut.at
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25783/1.html
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek
27.7.07 12:53
 


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