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Tote Ideen und Starforscher in Frankreich

von Haka Hori


Die Franzosen sind Meister in der Produktion toter Ideen. Ihr Motto: eine tote Idee ist besser als keine Idee. Ihr neuer Präsident will das ändern. Denkt weniger und arbeitet härter. Die "kleinen Ferien" und das "bon weekend" ersetzt durch härter arbeiten. Die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde sagt doch tatsächlich: "Genug mit dem Denken. Rollt eure Ärmel hoch" (1) (New York Times, the economist) , Präsident Sarkozy folgend, der mit dem Slogan: „Mehr arbeiten für mehr Geld“, doch tatsächlich die Mehrheit der französischen Wähler auf seine Seite bringt. Daß die französischen Stardenker - in Frankreich „Philosophen“ genannt – so etwas nicht schlucken, ist klar. Die Regierung unter Nicolas Sarkozy schert das nicht.
Mutiert die französische Wirtschafts-, Finanz- und Wissenschaftspolitik in einer für deutsche Verhältnisse unglaublichen und nicht tolerierbaren Weise? "All diese französischen Banker, nach London emigriert“, "all diesen fiskalistischen Exilanten", die vor dem französischen Steuerstaat flüchten, "sie alle wünschen nur eines: nach Frankreich zurück zu kommen. Ihnen und allen unseren Landsleuten, welche den Schlüssel zum Steuerparadies suchen, öffnen wir unsere Tore". Eine Abgeltungssteuer in Frankreich: ein neuer Sturm auf die Bastille. Frau Lagarde gilt als kommunikationsbegabtes Arbeitstier.

„Ihre helle Stimme formt knappe, präzise Sätze. "Sie hat eine Gabe, komplizierte Dinge auf einfache Weise auszudrücken und den Menschen nahezubringen", sagt Dominique de La Garanderie, eine ehemalige Anwaltskollegin (2).

Frau Lagarde kannte, als sie ihre Politik vor dem Parlament bekannt macht, eine Untersuchung von Institut Necker noch nicht: „Recherche biomédicale: l’integralité des classements.“ (3) Die Enquete widmet sich dem Zustand und der Zukunft der französischen bio-medizinischen Forschung. „Die traurige Bilanz der französischen Forschung“ fassen zwei der Autoren, Philippe Even (Präsident von Necker) und Alain Perez, ihre Studie in Les Echos zusammen. (4)

Zwei Jahre haben die Forscher von Necker ihre Kollegen beobachtet. 3,800 Forscher, verantwortlich für 45.000 Artikel, wurden minutiös beobachtet. 101 „super excellente“ Forscher fanden sie unter den 30,000 Forschern, Ingenieuren und Technikern in den französischen Biowissenschaften. Diese waren im wesentlichen für die Beiträge in international respektierten Fachjournalen verantwortlich. Die Unterschiede in der Forschungsproduktivität der Forscher sind gewaltig: 1:200. Schritt für Schritt verliert Frankreich den Anschluß an die internationale Elite. Bemerkenswert, was die Enquete nicht zum Thema macht. Kein Gegenstand waren die „toten Ideen“ oder der Knowing-Doing- Gap: Wie bringe ich wissenschaftliche Erkenntnisse, so gut oder schlecht sie sein mögen, in die Wertschöpfungsketten der Wirtschaft? In 15 Kapiteln wird der „calamitieux“ Zustand der Bioforschung abgehandelt. Entreprendre kommt nicht vor. Hat G.W. Bush doch noch recht bekommen: „Die Franzosen haben kein Wort für entrepreneur?“ Offensichtlich mögen die Franzosen den sechsten Kondratieff nicht. Ideen, wenn es schon sein muß. Umsetzen, nicht unsere Sache. Die französischen Starforscher unterscheiden sich damit grundsätzlich von den „star scientists“ der Amerikaner, die forschen, neukombinieren und damit auch Geld in die Forschungskasse bringen, was den Bioforschern, der Enquete zu Folge, zunehmend ausgeht.
Solange die Kopplung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Frankreich so weiter läuft wie bisher, wird Frankreich in der Tabelle weiter nach unten durchgereicht, wo das Hexagone mittlerweile auf 14. Rang steht. Irgendwann wird Sarkozy die nationalen Champions gegen akademische Gazellen ersetzen müssen.


(1) Elaine Sciolino, New leaders say pensive French think too much , The New York Times, 22. July; The Economist, 21. July, 2007,
(2) Heimo Fischer, Sarkozys Superministerin , Financial Times Deutschland, 24. Juli 2007:
(3) http://www.lesechos.fr/info/france/300189884.htm
(4) http://www.lesechos.fr/info/sante/4602748.htm




24.7.07 19:29


Markt und unternehmerische Kreativität

von Jochen Röpke

Jesus Huerta de Soto war so freundlich, uns ein Exemplar seiner Schrift „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Markt und unternehmerische Kreativität“ zu senden. De Soto lehrt und forscht an der Rey Juan Carlos Universität in Madrid. Das Buch wird vom Friedrich August v. Hayek Institut (1) in Wien herausgegeben.
Die reine Theorie, das vorherrschende ökonomische, auch wirtschaftspolitische Paradigma, bietet, folgen wir den Österreichern, inklusive Joseph Schumpeter, keinen theoretischen wie handlungspraktischen Zugang zum System von spontaner Koordination, Wissensnutzung und Entwicklung.
Die Österreichische Schule thematisiert das Wissen in seinen verschiedenen Typen und Relevanzen. Die Schrift arbeitet den Zusammenhang zwischen „Wissen und der Rolle der Unternehmer“ verständlich und überzeugend heraus (sieben Kapitel: Grundsätze, Wissen und die Rolle der Unternehmer, Carl Menger, Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, F.A. von Hayek, Renaissance).
Wie de Soto zeigt, ist die Produktion und Ausbreitung von „subjektiver Information“ der Schlüssel zum Verstehen eines jeden jenseits der herrschenden Wirtschaftslehre angesiedelten Paradigmas, also eines außerhalb des Gleichgewichts sich vollziehenden Wirtschaftsgeschehens. Die Nähe zum „Konstruktivismus“ der modernen Systemtheorie (nicht des Hayekschen Konstruktivismus als einer, wie immer legitimierten, Intervention in komplexe Systeme) ist offenkundig. „Unternehmer sind ständig damit beschäftigt, neue Information, die in ihrer Essenz subjektiv, praktisch, verstreut und schwer zu formulieren sind, zu produzieren“ (de Soto, S. 18).
Dieser Punkt ist zentral, denn er unterscheidet die Lehre der „Österreichischen Schule“ grundsätzlich vom Ansatz von Joseph Schumpeter und Alt- wie Neuschumpeterianern. Die „Österreicher“ rechnen, im Marketing ihres Ansatzes, Schumpeter gerne den ihren zu (siehe das Foto auf dem Cover des Buches von de Soto). Beim Studium des Textes wird andererseits erkennbar: die Österreichische Schule und die Schumpetersche Entwicklungstheorie liegen theoretisch Lichtjahre auseinander. Schumpeter taucht im Text nicht auf. Die paradigmatische Haßliebe auf einen der ihren läßt mehr als Zweifel an einer „Renaissance der Österreichischen Schule“ (7. Kapitel) aufkommen.
Zum Verständnis des Ansatzes der Austrian Economics können wir zwischen den Funktionen von Routine, Arbitrage, Innovation, Evolution unterscheiden. Routine bedeutet den Einsatz der Ressourcen zu optimieren (Peter Drucker: die Dinge richtig tun). Das neoklassische („neoliberale“ Programm. Der Routineunternehmer ist zuständig für die Funktion „Effizienz“, „anpassen“, maximieren des Nutzens, die Funktion des Homo oeconomicus oder des „Wirts“ (Schumpeter). Nur wenige Organisationen stellen die Doktrin der Optimierung in Frage. Ein Geschäftsmodell zu optimieren, das auf dem Weg in die Irrelevanz ist, sichert nicht das Überleben der Unternehmung. Der Arbitrageunternehmer erkennt und nutzt Bewertungsunterschiede, insbesondere zwischen Preisen. Spekulation ist eingeschlossen. Mit Routine und Arbitrage läßt sich keine Entwicklung erzeugen, das System Wirtschaft läuft daher auch, wenn Innovation ausdünnt, in Stagnation. Es fluktuiert durchaus, und die Österreicher klopfen sich noch heute auf die theoretische Schulter, die Great Depression vorhergesagt zu haben. Auch ein Produkt habgierigen Dealmakings, durchaus konform mit dem Ansatz, der auch der Asiatischen Krise, dem fast zeitgleichen Blowout in Rußland, und gegenwärtig der US-Immobilienkrise zugrunde liegt (2) . Die Österreicher thematisieren dies allerdings nicht unternehmertheoretisch. Die innovatorische Funktion bezieht sich auf die Neukombination von gegebenen Ressourcen. Der evolutorische Unternehmer betreibt Selbstevolution, insbesondere aber nicht ausschließlich im Bereich seiner innovatorischen Fähigkeiten. In der Theorie der Österreichischen Schule wird explizit nur zwischen Routine und Arbitrage unterschieden. Innovation und Evolution laufen irgendwie mit, aber nicht theoretisch kontrolliert. Die Funktionstiefe ist halbiert.
Für Schumpeter ist der kritische Erfolgsfaktor im Entwicklungsprozeß nicht das Wissen - die österreichische Schule trennt im übrigen nicht systematisch zwischen Daten, Information und Wissen - , sondern die Fähigkeit („Energie“ zu seiner rekombinativen Nutzung. Die Funktion des Unternehmers ist somit eine andere: Neukombination gegebener Ressourcen (Innovation). Das ein Unternehmer hierzu Wissen sucht und braucht, ist trivial, das andere ihm sein Wissen abnehmen, genau so. Die Ausbreitung des Innovationswissens geschieht jedoch auf anderen Wegen als den von Hayek und anderen aufgezeigten. Der Unternehmer läuft auf beiden Wegen gleichzeitig. Geht er jedoch den Österreichischen Weg, ist sein Lauf nicht der Lauf des innovativen Wertschöpfers, des Erzeugers von „Zukunftswerten“ (Schumpeter) ist. Es ist der Weg, der in jeder Wirtschaft, Steinzeit, Wallstreet, Silicon Valley, begangen wird. Es ist kein Entwicklungsweg.
Das Gemeinsame von Schumpeter und „Österreich“ ist die Zurückweisung neoklassischer Modelle, die „Lossagung von allgemeinen Gleichgewichtsmodellen“ (de Soto, S. 134), aus welcher bis heute die Ratschläge der Ökonomen sich herleiten und große Teile der Wirtschaftpolitik beeinflußt (auch wenn Politiker, mangels nicht-bekannter theoretischer Alternativen, vieles davon zurückweisen). Überlegungen der Österreichischen Schule und einer Schumpeterschen Entwicklungslogik finden darin keinen Platz. Der große Unterschied zwischen Schumpeter und den Österreichern ist die theoretische Behandlung von Entwicklungsprozeßen in Unternehmen und Markt. Schumpeter ist hier reiner Endogeniker. Das gilt auch für Wissen. Macht der Unternehmer ist nicht zu seinem Wissen – bleibt es totes Wissen. Er mag viel wissen, das Tun ist eine andere Sache. Die Geburt eines knowing-doing-gap.
Aus guten Gründen ist die Schumpetersche Logik daher auch im Text von de Soto ausgeblendet. Sie läßt sich mit dem Ansatz nur schwierig versöhnen. Die theoretische Welt ist eine andere. Es geht hier nicht um richtig und falsch. Die Welt sieht eben nur anders aus, je nach der theoretischen Brille, die der Beobachter aufsetzt. Wer sich mit Entwicklungsdynamik beschäftigt, dem bringt der Mainstream und die Österreichische Schule wenig, da sie sich mit anderen Problemlagen beschäftigen. Andererseits sagen die Österreicher aber auch deutlich: laß die Pferde und Tiger laufen, wohin sie wollen, was auch entwicklungslogisch vollständigen Sinn macht. Die Österreichische Schule thematisiert die Koordination der Akteure, die Rolle von Unternehmern (als Arbitrageure) bei der Ausbreitung von Wissen und der Anpassung der Marktteilnehmer an neue Information. In diesen Prozeß der spontanen Koordination und Wissensdiffusion zu intervenieren, bedeutet, das System Wirtschaft tendenziell auf eine niedrigere Komplexitätsstufe herunterzuregulieren: ein „Weg in die Knechtschaft“ (3) . Für Schumpeter ist im System lediglich zirkulierende Information („Wissen“, alt oder neu, „totes Wissen“, falls es nicht zu Neukombinationen anregt. Paßt sich ein Innovator an Datenänderungen an, nutzt er gleichfalls wissen, aber er kombiniert nicht neu und leistet für Entwicklung solange nichts, bis seine Anpassungsbemühungen irgendwo und irgendwann im System Neukombinationen anregen. Die Österreicher beschäftigen sich mit der „adaptiven Antwort“, die Schumpeterianer mit der „schöpferischen Antwort“. Man hätte somit, wenn man „unternehmerische Kreativität“ im Auge hat, theoretisch und handlungspraktisch sorgfältig zu unterscheiden.

(1) www.hayek-institut.at
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25783/1.html
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek
27.7.07 12:53


Is greed good for Japan? Globalisierung und Arbitragekapitalismus (I)

von Kazue Haga & Jochen Röpke

„Aggressive Investoren entdecken Japan“ betitelt ein Beitrag in der Financial Times Deutschland, das Bemühen von Investoren, in Japan nach westlichem Vorbild eine Kultur des Shareholdervalue zu etablieren.(1 )

150 Jahre nachdem die Schwarzen Schiffe (jap., kurofune) unter dem Kommando des US-amerikanischen Seeoffiziers Matthew Perry in Japan eintrafen, machen die Amerikaner und die Internationale Gemeinschaft der Dealmaker erneut Druck auf Japan, seine Grenzen weiter zu öffnen und ausländischen Investoren einen direkten Zugriff auf japanische Unternehmen einzuräumen. Commodore Perrys überlegene Militärmacht erlaubt es den USA, Japan einen Vertrag aufzuzwingen, der Japan für den Handel mit den USA öffnet (2 ).

Damit endete eine nahezu 200 Jahre währende Abschließung Japans. Mit gewissen Ausnahmen. Der japanische Markt für Unternehmenskontrollrechte (Aufkauf, Fusion, Buy out, Beteiligung) bleibt für Ausländer ein Markt mit Hürden. Die amerikanischen Investmenthäuser versuchen seit Jahren, die japanische Regierung vom Segen von Mergers & Acquisitions, Private Equity und Hegde Fonds zu überzeugen. Sie halten den japanischen Finanzmarkt für unterentwickelt. Die Aktionärskultur in Japan gilt ihnen als mittelalterlich. Die japanische Regierung wackelt unter dem Druck. Für Unternehmen (Management), Aktionäre, die Öffentlichkeit steht in Japan das langfristige Wohl des Unternehmens vor dem kurzfristigen Gewinn der Anteilseigner. Zweifellos gewährt die Abschottung japanischen Unternehmen einen Spielraum für ineffizienten Ressourceneinsatz und die Pflege problematische Geschäftsmodelle insbesondere für binnenmeraktorientierte Firma. Andererseits ist die Konkurrenz in Japan auf allen Märkten beinhart. Bereits seit Jahrzehnten versucht die internationale Gemeinschaft unter amerikanischer Führung, das Keiretsusystem der wechselseitigen Verflechtung von Unternehmen aufzubrechen. Der Erfolg ist mäßig und nicht zu vergleichen mit der Zerschlagung des Zaibatsusystems (Großkonglomerate in Form nationaler Champions) durch die amerikanische Besatzungsmacht nach dem zweiten Weltkrieg. Nach der Abwicklung der Spekulationsblase in den 90er Jahren – miterzeugt von der Internationalen Gemeinschaft der Wohltäter der Menschheit -, welche den Aktienindex auf 40,000 Punkte (heute 17,000) treibt, und japanische Unternehmen und Banken zwingt, Beteiligungen zu verkaufen, um Schulden zurückzuzahlen, kehrt die alte Krankheit zurück. Toyota kauft Aktien von Matsushita Electric Industrial Co. und umgekehrt (3 ). Beide Unternehmen betreiben gemeinsam eine Fabrik, welche Schlüsselkomponenten für den Hybridmotor produziert. Das Bild bleibt aus der Sicht des fremden Beobachters eingetrübt:

"Foreign investment funds have suffered recently as investors at general shareholders' meetings voted down an unprecedented number of foreign fund proposals for higher dividends and rejections of anti-takeover defense measures. This clearly shows that a majority of Japanese shareholders prefer long-term stable growth of their companies rather than short-term profits and quick results, and believe companies do not exist solely for shareholders" (4 )

“Die Schutzmaßnahmen für japanische Unternehmen (gehören) zu den übernahmefeindlichsten weltweit”, zitiert die FTD den Chef eines US-Hedge-Fonds, Steel Partners, der sich beim Versuch, den Soßenhersteller Bull-Dog zu übernehmen, vom japanischen Kampfhund eine blutige Nase holt. Der Tokyo High Court urteilte: Die Abwehrmaßnahmen von Bull Dog, sogenannte Poison Pills, sind legal. Der amerikanische Hedge-Fonds wurde höchstrichterlich als räuberischer Abzocker charakterisiert, der die japanische Firma für einen schnellen Gewinn ausschlachten wollte. (5 ) (6 )

Die Amerikaner sind erschüttert und rüsten juristisch hoch. "I'm blown away," sagt Scott Jones, Partner der Rechtsanwaltskanzlei Jones Day in Tokio.

Scott fügt hinzu: "People are not going to walk away from the world's second largest economy. If there is money to be made, somebody will find a way around this."(6 ) Schließlich gilt es als unter Ökonomen anerkannt: Verhindern von Buyouts macht Unternehmen ineffizient und hält die Aktienkurse niedrig (3 ). Angesichts massiver Verwerfungen und Fehlentwicklungen im japanischen Corporate Governance sehen Dealmaker ein weites Feld wertschöpfender (die Japaner sagen: Werte vernichtender) Transaktionen. Und Der US-Bull-Dog-Aufkauf-Hedgefonds bemüht nunmehr das höchste japanische Gericht, um gegen die Giftpillen von Bull-Dog anzugehen.

Topverdienende westliche Investmentbanker in Tokio fordern von der japanischen Regierung die Errichtung eines „attraktiven globalen Finanzzentrums“ nach dem Vorbild Hong Kongs und der Londoner City. Sie haben auch private Anliegen: „… a quantum expansion of immigration quotas for foreign child-care workers“, um sie in Tokio zu halten, fordert Robert Feldman von Morgan Stanley (7). Wir beobachten somit deutliche Evolutionssprünge: Von den „Schwarzen Schiffen“ des US-Admiral Perry (19. Jahrhundert), die Japan gewaltsam für den Kapitalismus öffnen, über die Zerschlagung der Zaibatus und Öffnen der Keiretsus zum wohlfahrtsmaximierenden Investmentbanking des angelsächsischem Arbitragekapitalismus. Konfuzianisch-shintoistisch-zenbuddhistische Ideale sind keine Dinge, die einen wahren Kapitalisten vom WEG abbringen.

Es handelt sich auch um einen Kampf der Kulturen. Die japanische Wirtschaft, wettbewerbsintensiv und hochtechnologisch organisiert, funktioniert nach anderen kulturellen und institutionellen Prinzipien und folgt anderen emotionalen Antrieben als der angelsächsische Kapitalismus, der auch in Europa zunehmend den Ton angibt und die Wettbewerbspolitik der EU beherrscht. Und „Heuschrecken“ sind in Deutschland mittlerweile eine akzeptierte Spezies von Wirtschaftsmenschen.

Um mit Buy outs, kreditfinanziert oder nicht, Geld zu machen, müßten die Käufer auslöschen, auf was Japaner nicht verzichten wollen, was für sie „heilig“ ist: Überkreuzverflechtungen, harmonische Beziehungen mit Banken (Hausbankprinzip), flexible Beschäftigung bis über die Altersgrenze hinaus, geringe Ungleichheit von Einkommen, Abfindungen (Bonuszahlungen) - beim Ausscheiden aus dem Unternehmen erhalten Mitarbeiter fünf oder mehr Jahresgehälter; und viele alte Menschen nutzen dieses Geld, um sich später, im Alter, selbständig zu machen (8) - Kundenorientierung (auch auf Kosten des Gewinns), visionsorientierte Unternehmensführung (Visionen können über mehrere Jahrzehnte laufen. Ein Deal verkürzt sie auf ein Heuschreckenleben). Für japanische Mitarbeiter ist ein Unternehmen eine zweite Heimat, mehr als ein temporärer Allokationsstandort für die Maximierung der Gewinne der Eigentümer.

Wenn japanische Unternehmen eine arbitragekapitalistische Globalisierung zurückweisen, verzichten sie – vielleicht – auf kurzfristige Renditechancen. Harmonie kostet Geld – auf kurze Sicht. Langfristig schafft sie Harmonie. „Von den Energien des Himmels ist keine größer als die Harmonie“ (Laozi). Für die Dealmakerklasse ist so etwas schwierig hinzunehmen. Wer glaubt, der Beste zu sein, an der Spitze der Evolutionspyramide zu stehen, hat Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß es Entwicklungspfade gibt, die Wohlstand und Beschäftigung ohne permanenten Auf- und Verkauf von Unternehmen sichern.

Auch wenn Dealmaking, das Erkennen und Ausnutzen von Unterschieden in der Bewertung von Vermögen, in seinen verschiedenen Ausprägungen Wohlstand erzeugen sollte - bis heute eine Frage des Glaubens – scheint es uns Sinn zu machen, über eine Einsicht von Joseph Schumpeters zu reflektieren:

"Ein System - jedes System, nicht nur jedes Wirtschaftssystem, sondern auch jedes andere -, daß zu jedem gegebenen Zeitpunkt seine Möglichkeiten möglichst vorteilhaft ausnützt, kann dennoch auf lange Sicht hinaus einem System unterlegen sein, das dies zu keinem gegebenen Zeitpunkt tut, weil diese seine Unterlassung eine Bedingung für das Niveau oder das Tempo der langfristigen Leistung sein kann." (Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1950, S. 138)

Was Schumpeter hier formuliert, ist der nicht-konfliktfreie Übergang von einer Stufe des Funktionierens des Systems Wirtschaft (optimaler Ressourceneinsatz) zu einer „tieferen“ Ebene innovativer Reproduktion mit (zunächst) gegebenen Ressourcen.

Der daoistische Philosoph Zhuangszi schreibt vor 2500 Jahren das Gleiche „Vielfalt besitzen, heißt Reichtum.“ Vielfalt heißt auch: unterschiedliche Wege zu erkunden und zu gehen. „Ein Weg kommt zustande, in dem man ihn geht.“ Wird alles ökonomisch gleichgeschoren, wie können dann „hundert Blumen“ blühen? Japan scheint sich mit seinem System nicht unwohl zu fühlen. Keine Gesellschaft ist so alt -durchschnittliche Lebenserwartung von Männern 79 Jahre, von Frauen: 85.8 Jahre (9 ) - und so gesund wie die japanische. Und keine Gesellschaft erzeugt im Alter soviel Dynamik wie Japan (8 ).

Die Wahlniederlage der Regierung Abe am 29. Juli spielt den Reformgegnern (Anti-Hedonisten und „Seilschaften“ der Japan AG) in die Hand:
" Andererseits formierten sich die unter Koizumi beschnittenen Seilschaften der Japan AG neu. Sie knüpften in den vergangenen Monaten wieder Überkreuzbeteiligungen, um Übernahmen durch unliebsame Investoren zu blockieren. Das stieß an der Börse auf Widerstand. Während die Aktienindizes in Europa und Amerika im Jahresverlauf vorübergehend deutlich zugelegt hatten, stieg an der Tokioter Börse der Nikkei-225-Index nur fünf Prozent. Dennoch stand Japan beim weltweiten Kursrutsch in der vergangenen Woche ganz vorn" (10 ).


(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Schiffe
(2) Martin Kölling, Aggressive Investoren entdecken Japan, Financial Times Deutschland, 25. Juli
(3) Patrick Rial und Michael Tsang, Japan stocks rally loses steam on shareholder concern (update 1), Bloomberg.com, 23. Juli

(4) Hisane Masaki, Fall of Japan’s apostle of „greed is good“, Asia Times, 20. Juli 2007
(5) Kaho Shimizu, What is significance of Bull-Dog action, The Japan Times, 12. Juli 2007
(6) Jonathan Soble & Michiyo Nakamoto, Japan’s court approves Bull-Dog poison pill, The Financial Times, 9. Juli 2007
(7) Michiyo Nakamoto & David Turner (2007): Japan minister hopes to woo foreign bankers with enclave of their own, The Financial Times, 22. Mai, 2007 S. 4.
(8) Haga & Röpke, Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften: Hinweise aus Japan, www. mafex.de
(9) The Japan Times, Japanese women still longest-lived, 27. Juli.
(10) Stephan Finsterbusch, Japans Wirtschaft vor unruhigen Zeiten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli, S. 11.

Theoretische Grundlage unserer Überlegungen ist die Theorie der Funktionstiefe von Unternehmertum:

Röpke, Der lernende Unternehmer, 2002
Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Nachdruck 1. Auflage, Berlin, 2006.
Haga & Röpke (8)
Röpke & Rassidakis, Peter (2006): Training and teaching entrepreneurs: The Mafex approach. Mafex working papers, December, www.mafex.de.
Röpke & Ying Xia, Der yin-yang-Unternehmer, www.mafex.de

31.7.07 19:35





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