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Ist Innovation eine Funktion des Alters?

von Kazue Haga

Ihr Blog macht María Amelia López Spaß und Freude.1 Es war das Geburtstagsgeschenk ihres Enkels im vergangenen Jahr. Frau López ist 95 Jahre alt. Wie gelingt ihr Bloggen? Sie erzählt ihrem Enkel ihre Geschichte und er richtet für sie für den Blog (amis95.blogspot.com) ein.
Üblicherweise nimmt man an, alte Leute sind weniger risikofreudig und auch weniger innovationsfreudig als jüngere Generationen. Ihre Fähigkeit, etwas Neues zu lernen, verringere sich im Laufe des Alters. Das ist ein Störfaktor für Alte. Der zweite Störfaktor ist ihre Zeitpräferenz (sie schauen weniger in die Zukunft auf Erden, wie auch, wenn sie glauben, bald zu sterben) und drittens Gesundheitsprobleme. Frau López ist hier keine Ausnahme und sie sagt: „I’m going to die before I get broadband.“ (Original in Spanisch)
Für den ersten Störfaktor: Umgang mit neuer Technik, gibt es anscheinend einen relativ einfachen Ausweg. Im Laufe der Zeit ändert sich die Fähigkeit, die man gerade am stärksten hat.2
Auch aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht enthält dieses Beispiel eine Lehre.
Man braucht nicht alles selbst zu machen, um ein Unternehmen in Gang zu setzen. Frau López hatte einen starken Antrieb, er ist so groß, daß sie ihren Enkel dazu bewegt, einen Blog für sie einzurichten. Auf der anderen Seite hat er, der Enkel, die Fähigkeit, die Bedürfnisse seiner Großmutter zu erkennen und das Verlangen (Empathie), sie zu unterstützen. Das muß nicht unbedingt Altruismus sein, aber auch nicht Habgier (Erbschaft), eher schon Generosität, die aus den Memen einer Familie hervorwächst.3
Die Umwelt hat einen Einfluß auf das System Mensch. Wichtig ist aber auch, wenn auch es im ersten Augenblick widersprüchlich klingt, daß das, was im System Mensch selbst intern geschieht, dynamischer und entscheidender für die Entwicklung/Evolution des Systems ist.4 Das System Mensch verändert sich ständig und ist nicht statischer Natur, aber ist gleichzeitig ein stabiles System. Das Wesen eines Individuums ist trotz ständigen Veränderungen in sich gesichert ohne Bruch. Diese Stabilität scheint eine Voraussetzung für erhaltende Selbstevolution zu sein. Hört diese auf, ist das ein Indiz, daß sich das System auf den Tod vorbereitet. Wir können, überspitzt formuliert daher sagen: die Teilnahme alter Menschen an Blogs, Email und anderen Internetaktivitäten ist ein Hinweis auf ihren Lebenswunsch, auf ihren (unbewußten) Kampf gegen Sterben und Tod, ein Indiz ihrer anhaltenden Selbstevolution. Man kann den Zusammenhang zwischen Altern und Blogs auch so sehen, daß eine Veränderung der Umwelt (Einrichten eines Blogs) als Auslöser für Frau López ein wichtiges Ereignis war, aber die Resonanz in sich ist viel größer und wichtiger. Was sie erzählt ist natürlich das eigentlich Interessante, aber ohne Internet bleibt es für uns ein Schweigen. Für viele mag es immer noch ein „Rauschen“ bleiben, für einige jedoch eine „Störung“ sein, die bei ihnen Veränderungen bewirkt, sogar Lernprozesse auslösen kann. Bei schnellem technischem Fortschritt ist es deswegen wichtig, daß es den neuen technischen Mitteln (Internet usw.) gelingt, interessante Inhalte aus gegebenen Ressourcen zu saugen, so daß die gegebenen Ressourcen mit neuer Attraktivität „neu“ auftreten – somit kommunizieren können.
Frau López und ihr Enkel haben ihren Blog hervorgebracht. Das alleine ist ein gutes Ergebnis, aber sie haben einen weiteren Erfolg, ihr Blog ist beliebt. Leute aus aller Welt besuchen ihn und kommentieren, d.h. sprechen die charmante Spanierin an. Davon träumt jeder Blogger. Sie leisten gute Zusammenarbeit. Solche schönen Ereignisse sind keine neue Geschichte. Familiäre oder gemeinschaftliche gute Zusammenarbeit gab es immer. Das sind oft nicht-kommerzielle Unternehmen. Dabei spielt Geld normalerweise keine Rolle. Der „Team“ ist relativ klein und eng miteinander verbunden. Da geht es meist um das eigene Interesse (Selbstverwirklichung nach Maslow) und nicht um die Frage, ob viele, fremde nach dem Produkt nachfragen.
Läßt sich dieses Beispiel von Frau López für die Unternehmensebene verallgemeinern? Unternehmen haben stärkere Einschränkungen, weniger altersgemachter Natur (Abbau von Gehirnleistung, TV als kognitiver Verarmer und Redundanzzerstörer) als solche, die aus ihrer Funktion herrühren. Sie wollen/müssen Produkte oder Dienstleistungen verkaufen und Geld verdienen. Die Mitarbeiter sind nicht altruistisch miteinander verbunden. Sie sind keine „Familie“ des Geschäftsführers. Ein Unternehmen hat eine kompliziertere Hierarchie, und Kommunikation zwischen den Managementebenen funktioniert oft nicht.5 Angenommen, ein Unternehmen funktionierte analog zum System Mensch (Kognition), müßte die Geschäftsleitung den Mitarbeitern einen hohen Freiheitsgrad erlauben,6 was vom Topmanagement in der Regel als Machtverlust gedeutet wird (Dito Politik: der allwährende Kampf der politischen Klasse und der staatserhaltenden Medien gegen „Anarchie“ und „Chaos“.). Der Enkel von Frau López war bestimmt frei von dem Vorurteil über die Weite/Enge des Potentials seiner Großmutter. Gerade wo man gerne über demographischen Wandel mit Verlängerung der Lebensspanne spricht, sind ältere Menschen und alte Mitarbeiter ein großes Potential für ein Unternehmen und die Gesellschaft. Zynisch gesagt, wäre Frau López CEO bei Merrill Lynch (die immerhin, einen neuen Chef installierten, zum ersten Mal seit 100 Jahren, der ein Outsider ist)7, Citibank, HBSC usw.: den Unternehmen ginge es wohl besser, von GM ganz zu schweigen. Einen Krieg im Irak gäbe es auch nicht. Man findet eigentlich genügend Nachrichten, die obigen Gedanken von den Segnungen alter Menschen unterstützen. Man lese hierzu das Interview mit dem Chef von Toyota, Watanabe.8 Auch zu Blogs gibt es viele Beispiele. Frau López ist keine Ausnahme und auch nicht die älteste Bloggerin.9 Warten wir daher auf den hundertsten Geburtstag von Angela Merkel. Wie sie hundert werden kann, verraten wir hier nicht. Schließlich wollen wir ihren Beratern nicht das Geschäft verderben.


1 Artikel über ihren Blog unter: http://www.reuters.com/article/oddlyEnoughNews/idUSN0527186920071105, Abruf am 05.11.07.
2 Zu den Fähigkeiten alter Leute siehe http://www.zeit.de/2002/48/Lernen-Alter?page=all sowie http://www.zeit.de/2003/33/P-Baltes, Abruf am 07.11.07.
3 “Altruism is defined as helping another at a cost to oneself [Sober, p 17, 15]. Generosity is defined as “liberality in giving” [16] or offering more to another than he or she expects or needs. Generosity is therefore a subset of altruism. For example, one may give a homeless person 25 cents (altruism) or ten dollars (altruism and generosity)” (Zitat aus Future Pundit, 6. November 2007: http://www.futurepundit.com/archives/004760.html).
4 Wie lang der Zustand eines Menschen sich wandelt, beeinflußt die Umwelt nicht entscheidend stark. Diese Meinung befindet sich auch bei Hirnforschern. Für dieses Thema relevante neurowissenschaftliche Forschung vgl. z.B. József Fiser, Chiayu Chiu &Michael Weliky (2004), Small modulation of ongoing cortical dynamics by sensory input during natural vision, Nature 431, 573-578 (30 September 2004).
5 Zu Schwierigkeiten der Geschäftsführung in Unternehmen siehe auch Horst Wildemann, Das Mittelmanagement ist dran, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2007, Nr. 257, S. 24.
6 Der ehemalige Chef der Deutschen Börse, Seifert, empfindet eine Parallele zwischen Management und Jazz; Unternehmensführer sollen ihr Unternehmen improvisierend führen wie bei Jazz. Vgl. http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=1473, Abruf am 08.11.07.
7 Merrill Names NYSE Exec Thain As CEO, Yahoo Finance, 15. November 2007: http://biz.yahoo.com/ap/071115/merrill_thain.html
8 Thomas A. Stewart & Anand P. Raman: Lessons from Toyota’s Long Drive, Interview mit Katsuaki Watanabe, Harvard Business Review, July-August 2007, S. 74-83.
9 Laut dem Artikel von Reuters (http://www.reuters.com/article/oddlyEnoughNews/idUSN0527186920071105) betreibt sogar ein 108-Jähriger seinen Blog (www.allaboutolive.com.au/).

15.11.07 10:45


Eindrücke zur “2nd European Conference on Entrepreneurship and Innovation”

Entrepreneurship und Innovation – Eindrücke zur “2nd European Conference on Entrepreneurship and Innovation”, School of Economics, Universität Utrecht/Niederlande, 08./09. November 2007

von Cord Siemon

Am 8. und 9. November fand die zweite Konferenz zum Thema Entrepreneurship und Innovation in Utrecht statt. Der Selektionsprozess für die eingereichten Konferenzpapiere war durch das vorgeschaltete Gutachterverfahren (double-blind) vergleichsweise langwierig und scharf. Als Repräsentant von Mafex war ich (zusammen mit Dr. Otter von der Verwaltungshochschule Speyer) mit einem Beitrag zum Thema „Coaching Entrepreneurship: How to Overcome the Knowing-Doing-Gap“ vertreten. Im Rahmen des Vortrags und der anschließenden Diskussion wurden die für Mafex mittlerweile selbstverständlichen theoretischen Grundlagen und die daraus resultierenden praktischen Implikationen vorgestellt. Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über eine kleine Auswahl derjenigen Konferenzthemen geben, welche wissenschaftlich und praktisch auch den Mafex-Ansatz berühren.

Der Konferenzablauf war sehr restriktiv organisiert. Jede Sitzung (á 90 min.) enthielt drei Vorträge mit je 20 min. Redezeit und anschließender Diskussion. Auf diese Weise war man selbst erheblich zur didaktischen Reduktion verdammt, konnte aber gleichzeitig zwischen verschiedenen Sitzungen – je nach Interessenlage – hin- und herpendeln, da die Einhaltung des Zeitplanes ein rechtzeitiges Zustoßen immer ermöglichte. Die Spannbreite der angebotenen Themen war (erwartungsgemäß sehr breit. Auf der einen Seite stramme neoklassische Wachstumstheorie und der Versuch einer modellmäßigen Einbindung unternehmerischer Aspekte (1). Auf der anderen Seite empirische Untersuchungen zu den Problemen der Organisation des Technologietransfers in Hochschulen ohne tiefgreifenden theoretischen Bezugsrahmen für die festgestellte Tatsache, dass Technologietransfer in Europa auf vielfältige Art und Weise praktiziert wird (2). Bemerkenswert ist, dass die Rolle des (akademischen) Wissens im Innovationsprozess mehrfach vor einem „unternehmerischen“ Hintergrund diskutiert wurde (3). In diesem Zusammenhang wurde auch die „unternehmerische Ausbildung“ in der Form thematisiert, dass eine stärkere Handlungsorientierung in der Unternehmerausbildung notwendig ist, wenn man nicht Gefahr laufen will, Wissenschaftler zu Managern auszubilden (4). Auch die schwierige Fragestellung „Wer trainiert die Trainer eigentlich (effektiv)?“ wurde angeschnitten (5).

Daneben gab es Beiträge zu sehr speziellen Themen, wie bspw. die Frage nach der unternehmerischen Einstellung und Motivation von Frauen in muslimischen Kulturkreisen. Demzufolge scheinen Frauen – befragt nach ihren Motivalagen – bei der Unternehmensgründung eine starke Disposition zur Bildung von Sozialkapital zu haben (6). Ebenfalls sehr interessant ist die – von Mafex bereits häufiger aufgeworfene – Fragestellung nach der Kausalität von Planungsintensität/-dauer und Gründungserfolg, die van Teefelen mit seinem Beitrag „Do Planning and Preparation Predeict Success in SME-Transfers“ für erfolgreiche Unternehmensübernahmen empirisch nachgegangen ist. Entgegen der traditionellen Handbuchlogik (und für Mafex’ler wenig überraschend) sind demnach endlose Planungen und eine hohe Zahlengläubigkeit für den Prozess einer Unternehmensübernahme oft eher hinderlich als förderlich. Zu lange Planungsperioden und zu detaillierte Finanzprognosen täuschen Genauigkeiten vor, die bereits wenige Wochen nach der Gründung/Übernahme hinfällig werden und versperren den Blick für wesentliche Erfordernisse in der strategischen Ausrichtung. Genauso interessant ist es zu sehen, dass der von Mafex bereits seit längerem verfolgte autopoietisch-systemische Theorieansatz (Röpke 2002; Aßmann 2003; Siemon 2006, Freier 2007) im Kontext der Bedeutung von kognitiven Fähigkeiten im Rahmen der Strategieausrichtung und der Reproduktionsfähigkeiten von Unternehmen (Überleben, Gewinn, Umsatz etc.) für Fallstudien-Analysen ebenfalls eingesetzt wird. Der Beitrag „Cognition and Innovation: Entrepreneurship and the Autopoietic Approach: The Cases of Aer Lingus and Fiat“ von Frau Demartini war vor diesem Hintergrund besonders hörens-, lesens- und vor allem sehenswert.

Abgesehen davon, dass der wissenschaftliche und praktische Austausch auf internationaler Ebene das eigene Tun und Handeln immer befruchtet, resultieren aus Konferenzen dieser Art eine Reihe von nützlichen Netzwerkbeziehungen. Darüber hinaus hat man die Möglichkeit, z.T. sehr bekannte Persönlichkeiten der Gründungsforschung kennen zu lernen, um sich von den Meinungen großer Namen inspirieren zu lassen. Der Star dieser Veranstaltung war David B. Audretsch, der von der Universität Indiana/USA eingeladen wurde, einen Vortrag zum Thema „Entrepreneurial Society“ zu halten. Es war schade, dass Audretsch sowohl vor als auch nach dem Vortrag nur wenig Zeit hatte, so dass ein informeller Austausch kaum zustande kam. Audretsch hat in seinem Vortrag im Wesentlichen die Grundlagen und Ergebnisse seines Buches „Entrepreneurship and Economic Growth“ vorgestellt, welches er zusammen mit Keilbach und Lehmann 2006 herausgegeben hat. Audretsch stützt sich dabei auf ein Wachstumsmodell, welches – im Unterschied zum Wachstumsmodell von Romer – neues Wissen nicht per se als Wachstumsmotor begreift. Durch die modelltheoretische Berücksichtigung des unternehmerischen Elements rekurriert Audretsch auf einen „Knowledge-Filter“. Die Fruchtbarkeit, die Implikationen und die Probleme dieses Ansatzes wurden von mir an anderer Stelle ausführlich diskutiert (siehe dazu meine Buchbesprechung zum o.g. Buch von Audretsch, Keilbach und Lehmann im bevorstehenden Ordo-Band 2007).

(1) Acs und Sanders: „A Theory of Entrepreneurial Rents in Endogenous Grwoth“

(2) van der Heide, van der Sijde und Terlouw: The Institutional Organisation of Knowledge Transfer and ist Implications“

(3) Scholten und Jousma: „The Role of Scientists in Starting-up Research-Based Spin-off Companies“ und van Burg, Romme, Gilsing und Reyman: „Creating University Spinoffs: A Science-Based Design Perspective“

(4) Buijs und Beugels: „Moving from Management to Entrepreneurship: A Case Study about Training Science Students fort he Business World“

(5) Kakouris: „On a Distance-Learning Approach to ,Train The Trainers’ in Entrepreneurial Education in Greece“

(6) Low und Collins: „Entrepreneurship und Social Innovation: Muslim Women Entrepreneurs in Uzbekistan

14.11.07 08:36


Schumpeter (PBUH) 1939 zur Finanzkrise 2007

von Jochen Röpke
Schumpeter 1939
In ”the atmosphere of secondary prosperity there will... develop reckless, fraudulent, or otherwise unsuccessful enterprise, which cannot stand the tests administered by [primary] recession. The speculative position is likely to contain many untenable elements which the slightest impairment of the values of collateral will bring down. ... Part of the debt structure will crumble”
Schumpeter, Business Cycles, 1939, volume 1, S. 148.
„In der Atmosphäre der sekundären Prosperität werden auch verantwortungslose, betrügerische und in anderer Weise erfolglose Unternehmungen entstehen, die den Prüfungen, wie sie die Rezession mit sich bringt, erliegen. Die Spekulation wird wahrscheinlich viele unhaltbare Elemente in sich tragen, die durch die geringste Minderung der Sicherheiten (Übersetzung im Original: „Lombardwerte“ zusammenstürzen. Das braucht alles noch nicht unbedingt die Ausmaße einer Panik oder einer Krise anzunehmen– keines dieser Worte, daran sei erinnert, ist ein Fachausdruck - aber es induziert sehr leicht Paniken oder Krisen.“
Schumpeter, Konjunkturzyklen, 1961, Band 1, S. 157.
2007
Lucus Zeise, schreibt in der Financial Times Deutschland zur „Finanzmarktkrise“: „Die Neuverpackung und Umverteilung der Kredite hat schließlich an deren Qualität nichts verändert. Der Zweck der neuen, massenhaft angebotenen Dienstleistung war vornehmlich die Generierung von Provisionen, Gebühren und Kommissionen, die Investmentbanken, Ratingagenturen, Makler und Rechtsberater in diesem Geschäft abgreifen können.“ Dies liegt ziemlich nahe an Schumpeters Beobachtung vor 70 Jahren, im Kern bereits in seinem Buch „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1911 erläutert.
Um was geht es hier? Ganz abstrakt gesagt: die Interaktion zwischen den Systemen Innovation und Arbitrage. Im modernen (angelsächsischen) Finanzkapitalismus (die Franzosen nennen es Neokapitalismus) haben Politik und Zentralbanken Arbitrageunternehmertum auf den Finanzmärkten eine ideale, weitgehend nicht-kontrollierte Lebenswelt geschaffen. Daß Ökonomen eine solche mit Wohlstandssteigerungen verbinden, ist eine andere, überwiegend traurige, ihren Modellen geschuldete Tatsache. Und daß Arbitrageunternehmer irgendwann durchdrehen, ist auch normal. Psyche und Ethik fördern ein solches. Wir stimmen daher den Ausführungen von Lucas Zeise, einem frühen und immerwährenden Beobachter und Warner, in einem Punkt nicht zu:
„Noch ist praktisch alles an diesem Gegenstand strittig mit Ausnahme des Satzes, dass, wie Weber [Chef der Bundesbank] formulierte, "Finanzkrisen hohe volkswirtschaftliche Kosten verursachen" können. Aber weder ist klar, was eine Finanzkrise ausmacht, noch, was ihre Ursachen sind, noch, welche Folgen ertragen oder durch geschickte Politik vermieden werden können. Noch umstrittener ist, ob Finanzkrisen selbst vermeidbar sind und was getan werden müsste, um sie zu vermeiden. Schließlich ist auch strittig, welchen besonderen Charakter gerade die aktuelle Finanzkrise hat. Wüsste man dies, könnte man auch eher sagen, welche Verwerfungen - um nicht zu sagen Opfer - noch zu erwarten sind.“
Im vorherrschenden neoklassischen Paradigma stimmt das so. Setzt man die Brille der Österreichischen Schule auf, sieht man schon Anderes. Schumpeter et al. sehen wieder andere Ursachen und Folgen. Und wenn wir ein Modell unternehmerischer Funktionstiefe (Routine, Arbitrage, Innovation, Evolution) und der strukturellen Kopplung wirtschaftlicher Teilsysteme, bevölkert mit diesen Unternehmertypen, heranziehen, ist meines Erachtens die „Krise“ theoretisch erklärt und handlungspraktisch ziemlich klar, was zu machen wäre.
6.11.07 18:36


Gut gemeint? - Steuerpolitik und Business Angels in Deutschland

von Cord Siemon

Business Angels sind in den letzten Jahren verstärkt in das Bewusstsein der Politik gerückt, wenn es darum ging, die Möglichkeiten auszuloten, Jungunternehmen bei ihrer Suche nach Seed- und Start-up-Kapital zu unterstützen (1). Durch die Errichtung regionaler Netzwerke (Dachorganisation in Deutschland: BAND – Busines Angels Netzwerk Deutschland) wurden die größtenteils altgedienten Unternehmer mit Branchenerfahrung, finanzieller Manövriermasse und Vorliebe für (innovative) Gründungsfinanzierungen zunehmend stärker miteinander verzahnt. Neuere Netzwerke differenzieren die Szene immer deutlicher aus. Das Business Angel Network Europe (BANE), Oberursel, ist auf Wachstumsfinanzierungen und Nachfolgeregelungen durch Internetmaching fokussiert und erweitert das Spektrum um sog. „Working Angels“. Ferner hat das 2005 errichtet Business Angels-Netzwerk Sachsen-Anhalt in Magedeburg bemerkenswerte Beteligungserfolge verzeichnen können (2). Dennoch existieren nach wie vor steuerpolitische Barrieren, welche die Entwicklung einer Business Angels-Kultur in Deutschland (und damit auch die Entwicklungs- und Wachstumsdynamik) behindern.

Seit geraumer Zeit wird insbesondere die 2001 vorgenommene Absenkung der Wesentlichkeitsgrenze auf 1 % im § 17 EStG als schädlich angesehen, da daraus hervorgeht, dass Veräußerungsgewinne im Rahmen privater Beteiligungen an einer Kapitalgesellschaft (GmbH, AG etc.) auch bei kleineren Anteilsquoten der Steuerpflicht unterliegen (2). Das Gesetz zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbedingungen (MoRaKG) sollte diesem Missstand entgegenwirken. Demnach war die Erhöhung des Freibetrages für Veräußerungsgewinne nach § 17 Abs. 3 EStG von 9.060 Euro auf 20.000 Euro als gut gemeinter steuerlicher Anreiz für ein größeres Business Angels-Engagement gedacht. Bei näherem Hinsehen erweist sich dies jedoch als Fehlsteuerung, wie Günther und Kirchhof in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Venture Capital-Magazins erklären (3). Der erhöhte Freibetrag kommt nämlich Business Angels „nur zu dem Anteil zugute, zu dem sie an den Unternehmen beteiligt waren. Bei einem Anteil von 10 % beträgt der Freibetrag also nur noch 2.000 Euro, und er wird nach der weiteren Vorschrift des § 17 Abs. 3 Satz 2 EStG sogar ab 3.160 Euro wieder abgeschmolzen, so dass ab einem Veräußerungsgewinn von 5.610 Euro nichts mehr von dem Freibetrag übrig bleibt. Nach dem Business Angels Panel 2007/I begnügt sich mehr die Hälfte der Engel sogar mit Beteiligungsquoten unter 10 %“. Die im MoRaKG angedachte Verbesserung der Rahmenbedingungen hätte sich, Günther und Kirchhof zufolge, effektiver gestaltet werden können. Demnach „hätten die Investitionen von Busines Angels eine steuerliche Förderung erfahren müssen, die wirklich so genannt werden kann. Z.B. hätte man Veräußerungsgewinne aus Beteiligungen bis 25% oder von Minderheitsbeteiligungen bis 2 Mio. Euro steuerfrei machen können, eine Regelung, die es in ähnlicher Form schon einmal gab. Es bleibt also nur, auf die Zukunft zu hoffen“.


(1) Siemon, C.: Unternehmertum in der Finanzwirtschaf: Ein evolutionsökonomischer Beitrag zur Theorie der Finanzintermediation, Norderstedt/Marburg, 2006.

(2) Günther, U. und Kirchhof, R.: Enttäuschte Hoffnungen – Die aktuelle Situation der Business Angels in Deutschland, Oktober-Ausgabe 2007, S.78-79.

(3) Siemon, C.: Innovations- und Gründungsfinanzierung: Zur Koexistenz informeller und formeller Finanzierungsnetzwerke, Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 2007, S. 191-193.

(4) Günther, U. und Kirchhof, R.: Enttäuschte Hoffnungen – Die aktuelle Situation der Business Angels in Deutschland, Oktober-Ausgabe 2007, S.78-79.

29.10.07 19:02


Exzellenzinitiative Genentech

von Jochen Röpke


Die Sieger sind bekannt. Runde 2 des Wettbewerbs ist abgeschlossen. Ob es für Forschung und Entwicklung etwas bringt, weiß niemand. Wir haben nicht sehen können, daß die Anträge und die Auserwählten und die Juroren auf das geschaut hätten, was einzig auf Dauer zählt: Was geschieht mit dem Wissen, erzeugt mit und ohne Exzellenz - und meistens, fast immer, zählt nur Letzteres? Geht es in die Wertschöpfung ein? Greifen Unternehmer es auf, um dann Innovationen, neue Märkte, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu schaffen? Nobelpreise an sich bringen nichts, wenn Forschungserkenntnis als totes Wissen dahinsiecht. Wir konnten bislang nicht erkennen, daß sich die Verantwortlichen jenseits einer Humboldtschen Logik der Universität konzeptionelle Gedanken gemacht und in exzellenzinitiative Anträge integriert hätten. Beobachter sehen sogar Humboldt als amputiert, angesichts der bescheidenen Ressourcenwidmung für die Lehre. Eine „unternehmerische Universität“ bleibt exzellenzinitiativ ein institutioneller Nobody.

Nur für den Einäugigen ein Zufall: Heike Schmoll berichtet über die „Sieger“ und ihren Jubel:[1] Wir sind die Besten (im Sport als „VfB-Stuttgar­t-Syndrom“ bekannt). Im Wirtschaftsteil der gleichen Zeitung vom selben Tag ein Bericht über das Elend der deutschen Biotechbranche.[2] Homepage Bundesregierung: „Auf dem Gebiet der Biotechnologie ist Deutschland führend“. Das übertrifft sogar noch George W. Bush, was schwierig, aber wie wir freudig erkennen, durchaus machbar ist: „Die Franzosen haben kein Wort für Entrepreneur.“ Die Deutschen (eine Teilmenge: Mitglieder der politischen und dieser zuarbeitenden Klasse) sind gute Erfinder („führend“, die Anmeldung beim Patentamt läuft. Die Regierung darf sich trösten: Über 90 Prozent der Patente kommen über das Patentamt nicht hinaus. Wenn die Regierungserfindung wie bisher schon, auch in Zukunft nicht läuft, niemand juckt es. Wer andererseits jenseits des politischen Milieus erfindet, gar innoviert, insbesondere, wenn er Wissenschaftler ist, bleibt im Regen stehen. Eine unternehmerische Universität, welche Wissenserzeugung & Lehre & Unternehmertum & Kompetenzentwicklung (nicht –abbau) symbiotisch verknüpfte, wäre einer exzellenzinitiativen Förderung wert. Was jetzt läuft ist 19. Jahrhundert. Die Amerikaner, wenn sie sich arbitrageökonomisch nicht selbst austricksen, und die Chinesen, wenn sie nicht anfangen, das zu machen, was der westliche Besserwisser ihnen als Weisheit verkauft, und der Finanzminister, der das 19. Jahrhundert finanzieren muß, werden uns dafür abstrafen.

Was hat das mit Genentech zu tun? Eine zutiefst kapitalistische Firma. Eine durch und durch Spitzenforschung betreibende Unternehmung: Genentech: a biotechnology research company.[3] Eine Biotechfirma, die das Mehrfache an Produkten, Umsatz, Arbeitsplätzen und Steuerzahlungen hervorbringt, als sämtliche deutsche Biotechfirmen zusammen, die ihren hochqualifizierten und exzellent bezahlten Mitarbeitern („Genentech offers the best opportunity to build your career in biotechnology. It demands the best from its employees and rewards them accordingly”: Nur niedrige Löhne sichern Arbeitsplätze),[4] Forschungsfreiräume und Zeitspielräume gewährt, die es an deutschen Universitäten mit und ohne Exzellenz nicht mehr gibt, eine Exzellenzinitiative, die es zu kopieren gilt. Wir müssen den deutschen Biotechunternehmern dankbar sein, welche es unter den hiesigen rechtlichen, institutionellen und fiskalsstaatlichen Beschränkungen überhaupt so weit gebracht haben. Immerhin arbeitet der Bundesfinanzminister („Ich“ daran, die Finanzierungsspielräume für die Branche und anderen auf Forschungswissen angewiesenen Unternehmen nicht einfacher zu machen.[5] Wir schlagen ihm vor, seinen nächsten Urlaub nicht im südwestafrikanischen No-Tech-Milieu mit der Beobachtung von Giraffen zuzubringen, vielmehr einen Ausflug nach Shanghai zu machen, wo sich Biotechtiger in freier unternehmerischer Wildbahn beobachten lassen, um dort die These seiner Regierung zu überprüfen: „Auf dem Gebiet der Biotechnologie ist Deutschland führend.“

Als Exportweltmeister kann uns nichts umbringen. Der Eurokurs nicht, die EU-Bürokratie nicht, die Chinesen nicht, und „Ich“ so wie so nicht - falls man zu den Dax-Unternehmen gehört. Andererseits stellt sich die Frage, von was wir in einer Generation leben wollen, wenn die Produkte (Altinnovationen) nicht mehr laufen, die uns heute die Chinesen, Inder, Russen usw. noch aus den Händen reißen. Was leisten die Exzellenzuniversitäten für unseren zukünftigen Wohlstand?



[1] Heike Schmoll: Die Projekte der Gewinner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2007, S. 4.

[2] Judith Lembke, Unterfinanziert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2007, S. 13.

[5] Ute Günther und Roland Kirchhof, Enttäuschte Hoffnungen, Venture Capital Magazin „Start-up 2008, S. 78-79.

24.10.07 11:01


„Spielregeln“ der Innovation

von Haka Hori und Kazue Haga

Haltet euch an die „Spielregeln“, fordert Kanzlerin Dr. Angela Merkel von den Chinesen (1). Mehrfach. Bei ihren Chinabesuchen ohnehin. Ein uraltes „Spiel“. Wer oben ist (oder glaubt oben zu sein, meistens ein Irrglaube), tritt die Leiter weg, damit die Nachrücker nicht hochkommen. In Deutschland (im Politikgeschäft) auch 5%-Regel genannt.

Als England oben war, versuchen sie die Deutschen wegzukicken. Geburt von „Made in Germany“.

Die alteuropäische Autoindustrie (inklusive U$A) beherrschte einst die Welt.

Wie kommen Nachzügler in den Markt? Wer die „Spielregeln“ akzeptiert, bleibt draußen. Daß sie akzeptiert werden, dafür sorgt die World Trade Organisation WTO, die Lobbykraft der Etablierten, Kanzlermarketing und ein Heer von Ökonomen, die Ricardos Theorem der komparativen Kosten mit Freihandel gleichsetzen.

Die folgenden Links (2) und (3) verdanken wir der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos, welche eine sehenswerte Fotoserie über den WEG (Dao) von Toyota auf ihrer Website darbietet.

Das Bild zeigt den ersten Toyotawagen, Baujahr 1935, für fünf Personen, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. Man beachte die Haltung der Menschen – sie verbeugen sich – vor wem? Vor den Spielregeln selbstverständlich. Den Spielregeln der Innovation. Der BDI, würde, wenn er könnte, heute noch, in solch einem klaren Fall, mit Unterstützung des BKA (Bundeskanzleramt), Klage erheben, wenn er nicht das Schicksal des sterbenden Frosches für seine Mitglieder kultivierte: Produktpiraterie à la Chinois, unternehmerisch erlernt vom japanischen Dieb: Vorbild Chrysler Airflow, ein Nachdepressionsprodukt. Diebstahl also, bringt Toyota auf den Weg. Standortgefährder.

72 Jahre später ! Toyota Nr. 1. Die anderen laufen hinterher. Toyota hat seinen Hybridmotor mit Dutzenden von Patenten vor dem Diebstahl jener geschützt, die den Einstieg verschlafen haben.(3 ) Schlaf schützt vor Verletzung der Spielregeln. Deswegen braucht Afrika soviel Entwicklungshilfe anstelle von Einführungen in die Regelkunde der zivilisierten Welt und die Industrie die Unterstützung ihrer Kanzler und Finanzminister.

Chinesen, religionsscheu wie sie sind, halten sich nicht an die Religion der Eigentumsrechte. BMW ist das letzte Opfer ihrer Blasphemie – und bringt den Raubkopierer vor Gericht (4), der sich nicht scheut, im Heimatmarkt des Premiumproduzenten Kunden zu suchen und auf der Automobilausstellung sein Produkt schamlos zu enthüllen, ohne Bikinigirls dazu.

Von den spanischen Jesuiten zu lernen, war noch nie eine schlechte Geschäftsstrategie.

72 Jahre nach 1935: „VW ahmt Toyotas Strategie nach“, berichtet uns die Financial Times Deutschland, rechtzeitig zur Eröffnung Automobilmesse. (5)

„Toyota hat seinen Absatzvorsprung auf Gebieten gemacht, wo wir in den vergangenen Jahren nichts gemacht haben“, erläutert uns „VW-Chef“ Martin Winterkorn (5). Die Kanzlerin hat Recht: mit der Einhaltung der „Spielregeln“ wäre VW solches nicht passiert. Toyota wäre längst begraben und der Einsatz der Hybridtechnologie könnte auf jenen Zeitpunkt warten, bei dem Automanager endlich das haben, was sie brauchen, um zu innovieren: „Planungssicherheit“, auch seitens der Politik. Wie Martin Winterkorn dem Handelsblatt mitteilt: „Was wir brauchen, ist Planbarkeit, denn ein Fahrzeug, mit dessen Entwicklung wir heute beginnen, ist in 30 Jahren immer noch auf der Straße.“(6) Und genau dieser Umstand ist es, der Erzengel Gabriel so viele schlaflose Nächte bereitet. Wie der VW-Chef in der FT.de weiter betont: „Wir alle wollen Geld verdienen, Arbeitsplätze sichern und mehr Volumen machen“ (5).

Wir danken der Kanzlerin für ihr Bemühen um den Standort Deutschland. Was würde mit VW, MAN (will LKWs in China bauen) usw. passieren, wenn die Chinesen das nachmachen, was Toyota ihnen vorgemacht hat? Schmach aller Schmach: Ein China-Hybrid rollt vor einem DE-Hybrid über deutsche Straßen. Denn Hybridautos Made in China kommen wohl zeitgleich mit den deutschen auf den Markt. Brilliance plant für das Jahr 2009 die Einführung eines Hybridmodells. (7)

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,502406,00.html

(2) http://www.lesechos.fr/diaporamas/index.php?id_diap=
DIAP270807136_870AD9&id_rub=1067&id_sous_rub=0&
auto=0&id_photo=4169

(3) http://www.lesechos.fr/diaporamas/index.php?id_diap=
DIAP270807136_870AD9&id_rub=1069&id_sous_rub=0
&auto=0&id_photo=4183

(4) Mark Landler, Germans see imitation in Chinese cars, The New York Times, 12. 9. 2007,
http://www.nytimes.com/2007/09/12/business/worldbusiness/12auto.html?th&emc=th

(5) http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:VW%20Toyotas
%20Strategie/251737.html
.

(6) Handelsblatt, 11. September 2007, S. 2, IAA 2007, „Was wir brauchen ist Planbarkeit“.

(7) FAZ, 1. September 2009, S. 49: „Brilliance will glänzen“.

Theoretische Grundlage ist die Theorie der nachholenden Entwicklung.

Siehe hierzu Kapitel 5 in: Jochen Röpke und Ying Xia: Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme. Grundzüge einer daoistischen Kinetik wirtschaftlicher Entwicklung.

Zu Toyotas Hybrid-Management, Kazue Haga und Jochen Röpke, Wie lernen Unternehmer?

13.9.07 18:30


Alter schützt vor Gesundheit nicht; oder: Wie Innovation Arbeit erzeugt.

von Kazue Haga und Jochen Röpke

Es ist leicht zu sterben, aber schwer zu leben.

Japanisches Sprichwort.

Eine Untersuchung von Kenneth Manton zeigt uns bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Alter und Innovation (1, 2 ). Sie stützen Ergebnisse, die wir in einem früheren Mafexblog skizzierten (3). Kenneth Manton ist ein statistisch-mathematisch orientierter Demograph. Er hatte über viel Jahre empirische Erkenntnisse zum Zusammenhang von Alter, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wissenschaftlich erarbeitet, welche die herrschende Sichtweise auf den Kopf zu stellen scheinen und daher in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf Ungläubigkeit stießen. James Vaupel (Max Planck Institut für Demographie in Rostock) denkt in eine ähnliche Richtung und hat früher mit Manton zusammen veröffentlicht. Soweit wir sehen, werden die Erkenntnis dieser Forscher bis heute noch nicht wirklich ernst genommen und nur marginal in der Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Innovationspolitik reflektiert.

Die herrschende Sichtweise unter Demographen und Gesundheitsökonomen: Wirst du alt, leidest du immer mehr an immer mehr Gebrechen, dein Gehirn rostet, deine Arbeitsfähigkeit sinkt und an den chronischen Krankheiten des Alterns kann die Medizin bislang ohnehin wenig ausrichten. Manton zeigt nun an Hand von amerikanischen Daten, daß die chronische „disability“ von über 65-Jährigen zurückgeht und zudem in einem graduell zunehmenden Umfang. Der Rückgang hat sich von 0.6 Prozent im Jahr 1982 auf 2.2 Prozent in den Jahren 1999-2004 beschleunigt. „We found a significant rate of decline in the prevalence of chronic disability that accelerated from 1982 to 2004“(2). Noch bemerkenswerter: bei Menschen über 85 war der Rückgang noch höher.

Anstelle von einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung von debilen, chronisch Kranken und arbeitsunfähigen Alten, mit entsprechender Belastung der sozialstaatlichen Kassen, nimmt der Anteil aufgeweckter, arbeitsfähiger, kreativer Menschen in der Gruppe der über 65-Jährigen zu, nicht nur absolut, sondern anteilsmäßig. Es geht hier nicht um das übliche, politisch korrekte Gerede über „Senioren“ (und ihre Wählerstimmen) und wie wir an ihre Kaufkraft kommen (4); vielmehr um empirisch belegte Zusammenhänge, welche alten Menschen eine wirtschaftliche Funktion jenseits von Konsum von privaten und öffentlichen Gütern bis in Altersregionen hinein eröffnen, die bislang für unternehmerisches Tun in seiner ganzen funktionalen Vielfalt verschlossen schienen: Gesunde alte Menschen als Treiber wirtschaftlicher Dynamik.

Wir haben Ähnliches am Beispiel Japans aufzeigen können (5). Japan ist die älteste Gesellschaft auf der Erde. Sie erlaubt also, die Überlegungen von Manton zu überprüfen. Was Manton nicht im Blickfeld hatte, aber seine Überlegungen untermauert, ist der zunehmende Anteil alter Menschen bei der Gründung von Unternehmen (in Japan). Nach der herkömmlichen Logik betrachtet ist dies theoretisch und empirisch zumindest nicht plausibel, und wird daher auch in jüngeren Studien zum Zusammenhang zwischen demographischem Wandel und Wirtschaft wenig beachtet: Alte Menschen als Pioniere der Gründungsdynamik.(3)

Manton und Kollegen belegen mit ihren Daten: die Gesundheit steigt mit der Lebensspanne bzw. die „chronic disability“ sinkt, d.h. älter werdende Menschen, nicht alle, aber eine große Gruppe von ihnen, leben zunehmend gesünder. Die wesentliche Quelle dieses Fortschritts sind für Manton u.a. medizinische Innovationen. Da die Menschen, innovationsbedingt, länger physisch und mental gesünder leben, und wenig spricht dagegen, daß dieser Trend nicht anhalten könnte, steigen auch die wirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinne und die Sorgen über die finanziellen Belastungen in einer alternden Gesellschaften könnten sich als zunehmend weniger begründet herausstellen.

Theoretisch behaupten wir eine positive Rückkopplung zwischen medizinischer Innovation (nennen wir sie im Hinblick auf die Zukunft: integrale NBIC-Innovation, Nano, Bio, Info, Cogno) und zunehmender Altersgesundheit bzw. Ausweitung der gesunden Lebensspanne bei immer mehr Menschen. Innovation fördert Gesundheit und Gesundheit erlaubt die Ausweitung der zeitlichen Spanne und der Menge unternehmerischer Tätigkeit (inklusive Innovation).

Der Kern des Arguments von Manton: Damit dieser historische Trend in die Zukunft weiter läuft, sind ansteigende Investitionen in die medizinische Forschung notwendig. Die Autoren quantifizieren ihre Überlegungen: Wenn nur 30 Prozent der alten Menschen mit guter Gesundheit sich dafür entscheiden, länger zu arbeiten (in Japan tun sie dies bereits), sind die daraus folgenden wirtschaftlichen Vorteile groß genug, um eine Verdoppelung der Investitionen in biomedizinische Forschung während der kommenden fünf Jahre und eine Vervierfachung über eine längere Zeitspanne zu rechtfertigen.

Die amerikanischen Forscher unterstellen dabei, mit gewissem Recht, für die USA: durch Forschung gewonnenes neues Wissen versickert nicht im Wissenschaftssystem, sondern wird von Unternehmen, viele davon neu gegründeten, in medizinische Innovation umgesetzt. Der Knowing-doing-gap bleibt mit anderen Worten bescheiden. Für die EU-Länder können wir diese Annahme nicht machen. Mehr Forschung heißt hier nicht auch mehr Innovation. Die Kopplung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist ausgedünnt.

Ein weiterer Punkt ist zu bedenken, falls man sich Gedanken macht, wie umfassend der geschilderte Trend für eine gesamte Gesellschaft gültig ist. Für viele Länder – USA, Europa, China – zeigt sich eine Abnahme des Gesundheitsbewußtseins: Vom Kindergarten bis zur letzten Ölung. In Ländern der sog. Dritten Welt ist Gesundheitsbewußtsein bis heute ein Fremdwort. Ein guter Indikator dafür ist die Gewichtszunahme.(6,7). Entwicklungsländer importieren die chronischen Krankheiten der reichen Länder. Wie? Demographisch: Die Menschen dort leben länger, haben also mehr Zeit, Krankheiten einzufangen. Evolutionsökonomisch: Ihr unterentwickeltes Gesundheitsbewusstsein läßt sie ungesunde Lebensstile ( „rich world maladies“ ) aus den reichen Ländern nachahmen. Ein Paradox der Entwicklungshilfe: Durch Bekämpfung von Infektionskrankheiten, Schwerpunkt der öffentlichen und privaten (Gates Stiftung) Bemühungen leben Menschen in der Dritten Welt länger – nur um Opfer ungesunder Lebensstile zu werden. Die Bekämpfung chronischer Krankheiten spielt zudem bei Entwicklungshilfe eine untergeordnete Rolle. Dazu kommt – der World Trade Organization sei gedankt - der freie Import von Killerfood.

Wir vermuten daher, daß die von Manton et al. vorgestellten Ergebnisse für jenen Teil der Gesellschaft gelten, der einigermaßen gesund lebt und im Alter gesund bleiben will, der also, wie wir sagen, selbstevolutiv tätig ist. Dies spricht nicht gegen Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation. Dies ist eine notwendige Bedingung. Sie ist aber nicht hinreichend, falls nicht mehr Menschen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Was zu tun ist, weiß hierzulande nahezu jedermann (In Entwicklungsländern herrscht Unwissen bis in höchste Kreise der politischen Klassen): Das Wissen bleibt ungenutzt. Wenn diese Lücke zwischen Wissen und Tun sich ausweitet oder nur stabilisiert, spaltet sich die Gesellschaft: die Frühsterber oder Längerleber mit prekärer Gesundheit, die aus physischen und mentalen Gründen auch nicht länger arbeiten können und jener Teil relativ gesundheitsbewußter Menschen, die lange gesund leben wollen, einiges dafür tun, Vermögen akkumulieren (Die Abgeltungssteuer kommt gerade richtig!) und zusätzlich noch in den Genuß medizinischer Innovation kommen, die sie allerdings, volkswirtschaftlich betrachtet, selbst hervorgebracht haben bzw. miterzeugen (durch Mehrarbeit, unternehmerisches Tätigsein). Ihr länger-gesundes Arbeitsleben schafft die finanzielle Basis für medizinische Forschung und Innovation, und diese erzeugt weitere Möglichkeiten, um eine gesunde Lebensspanne weiter auszuweiten. Auf Deutsch sagt man dazu: Zweiklassenmedizin. Wer sie nicht (zulassen) will, übt sich in der Abtreibung einer innovationsgetriebenen Gesundheitswelle (Kondratieff 6ff.).

(1) Kenneth G. Manton und andere, Labor force participation and human capital increase in an aging population and implication for U.S. research investment, Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, vol. 104, no. 26, 15. Juni 2007, S. 10802-10807.

(2) Kenneth G. Manton, XiLiang Gu & Vicki L. Lamb, Change in chronic disability from 1982 to 2004/2005 as measured by long-term changes in function and health in the U.S. elderly population, Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, vol. 103, no. 48, 28. November 2006, S. 18374-18379.

(3) Medizinische Innovationen verlängern das Leben, Mafexblog, 14. 8. 2008.

(4) Roland Berger Strategy Consultants (2007a): Den demografischen Wandel erfolgreich bewältigen.

Roland Berger Strategy Consultants (2007b): Wirtschaftsmotor Alter.


(5) Kazue Haga, & Jochen Röpke, , Gründungsdynamik in alternden Gesellschaften: Hinweise aus Japan, Mafex working papers 06/2007.

(6) The Economist, The maladies of affluence, , 9. August 2007.

(7) The Economist, Fat and getting fatter, 23. August 2007 .


27.8.07 15:41


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